"Wir müssen uns fragen: Was ist da passiert?"

7. Oktober 2008, 08:19
527 Postings

Bildungsministerin Schmied im derStandard.at-Interview über junge Menschen, die aus Angst FPÖ wählen und Schulen, die zusätzliche Ressourcen für Integration brauchen

"Wir dürfen die Augen nicht davor verschließen, dass es, gerade im städtischen Bereich, Schwerpunktschulen gibt, an denen wir uns dem Thema Integration viel intensiver widmen müssen". Bildungsministerin Claudia Schmied will im derStandard.at-Interview nach dem starken Abschneiden der FPÖ bei den JungwählerInnen das Thema Integration "viel breiter und intensiver angehen". Mehr LehrerInnen mit Migrationshintergrund, mehr Sprachunterricht und der Ausbau ganztägiger Schulformen sollen dabei helfen. "Das Integrationsthema, so wie es die letzte Regierung gemacht hat, weitgehend als Sicherheitsthema zu definieren, kann nicht die Lösung sein". Die Fragen stellte Anita Zielina.

***

Standard.at: Frau Ministerin, die FPÖ hat bei der Nationalratswahl bei Wählern unter 30 sehr gut abgeschnitten. Was ist das schiefgelaufen im SPÖ-Wahlkampf?

Claudia Schmied: Dieses Ergebnis muss nachdenklich stimmen. Wir müssen uns fragen: Was ist da passiert? Protestwählerstimmen sind sicher dabei. Protest gegen das Auftreten der Regierung. Es fällt aber auf, dass es eine Korrelation zur Bildung gibt. Da sollten wir ansetzen. Wir müssen thematisieren, dass es in hohem Ausmaß eine Reaktion von Menschen ist, denen es nicht so gut geht im Leben. Menschen die sich Sorgen machen um Arbeitsplätze, um Lehrstellen. Da wird von manchen Parteien in einem sehr raschen Reflex, nach dem Muster "einer muss schuld sein", das Ausländerthema benützt. Hier geht es nicht unbedingt um Ausländerfeindlichkeit, aber um die Angst, Chancen an eine andere Gruppe von Mitbürgern zu verlieren.

derStandard.at: Integration war im Wahlkampf nur wenig Thema, obwohl man aus Befragungen weiß, dass es ein Thema ist, das die Jungen bewegt. Hat die SPÖ da einiges Terrain brach liegen lassen?

Schmied: Im Wahlkampf sehe ich es nicht, das war so eine kurze Phase, dass dieses Thema wenig Chancen gehabt hätte. Aber ich gebe Ihnen vollkommen recht, dass wir das Thema Integration viel breiter und intensiver angehen müssen. Im Kleinen passieren da in Schulen und anderen Einrichtungen großartige Projekte, etwa im Kunstbereich. In dem Maß, in dem auch persönliche Begegnungen zwischen ÖsterreicherInnen und MigrantInnen gelingen, in dem "die Ausländer" plötzlich Gesicht und Namen haben, kann man viel erreichen. Solche Projekte müssen Schule machen.

derStandard.at: Abgesehen vom Wahlkampf, wie kann dieses "intensivere Angehen" aussehen?

Schmied: Wir dürfen die Augen nicht davor verschließen, dass es, gerade im städtischen Bereich, Schwerpunktschulen gibt, an denen wir uns dem Thema Integration viel intensiver widmen müssen.

Wir müssen aber gleichzeitig auch die aufnehmende Gesellschaft stützen, Angebote für sie einbauen. Es gibt Rechte, aber auch Pflichten. Da geht es ganz stark um Wertefragen - Achtung, Respekt, Fairness - und es gibt Gewohnheiten der aufnehmenden Gesellschaft, die von allen zu akzeptieren sind.

derStandard.at: Welcher Handlungsbedarf besteht konkret im Schulbereich?

Schmied: Ich halte das verpflichtende vorschulische Jahr für ganz wichtig, damit bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund nicht schon am Anfang der Schullaufbahn ein Nachteil entsteht, den sie dann nicht mehr aufholen können. Wir müssen den Sprachunterricht deutlich ausbauen. Es muss uns gelingen, mehr LehrerInnen mit Migrationshintergrund für den Beruf zu begeistern. Und ich bin überzeugt, dass gerade in Hinblick auf die Integration ganztägige Schulformen von Bedeutung sind, damit diese Kinder und Jugendlichen wirklich den ganzen Tag die deutsche Sprache sprechen und hören, statt wieder in sehr abgeschlossenen Familienverbänden zu sein. Gemeinsame Kulturprojekte können auch viel bewirken.

derStandard.at: Das hört sich alles sehr ambitioniert an - aber schafft das eine Lehrerin, die mit vielen Kindern, die Deutsch nicht oder nur schlecht sprechen, ohnehin schon gefordert ist?

Schmied: Einzelne Schulstandorte, die mit Integrationsherausforderungen in besonderem Ausmaß befasst sind, müssen mit zusätzlichen Ressourcen ausgestattet werden. Ich denke auch, dass es sinnvoll ist, wenn wir den Lehrer nicht alleine lassen, sondern Teamunterricht etwa mit einer zweiten muttersprachlichen Lehrerin organisieren. Wir brauchen mehr Schulpsychologen, mehr Sozialarbeiter. Aber eines muss klar sein: Integration ist kein reines Schulthema, sondern muss alle Politikbereiche durchdringen. Das Integrationsthema, so wie es die letzte Regierung gemacht hat, weitgehend als Sicherheitsthema zu definieren, kann nicht die Lösung sein.

derStandard.at: Der Grüne Vorarlberger Landessprecher Johannes Rauch hat gemeint, man müsse im Wahlkampf auch dahin gehen "wo es weh tut", also dahin, wo man nicht ohnehin massig Wähler hat. Hat die SPÖ das zu wenig getan?

Schmied: Bei den Schulen bin ich sehr vorsichtig. Eine parteipolitische Agitation darf und soll es dort nicht geben. Aber tatsächlich sollte man in den direkten Diskurs mit Jugendlichen zum Integrationsthema verstärkt eintreten. Wir haben das in den letzten Monaten und Jahren zu wenig besprochen. Es ist sicher Aufgabe einer kommenden Regierung, hier Aufbauarbeit zu leisten.

derStandard.at: Ich gehe davon aus, dass Sie, was den direkten Diskurs angeht, dennoch keine Anhängerin der Freibier-in-der-Disco-für-alle - Politikstrategie sind?

Schmied: Eine Nachahmung ist nie gut. Immer besser Schmied als Schmiedl (lacht). Das muss jeder machen wie er meint, aber ich würde die Probleme und Sorgen im Bildungsbereich stärker ansprechen und das Terrain nicht den Ängsten überlassen.

derStandard.at: Sind im Bereich der Politischen Bildung an den Schulen Reformen nötig?

Schmied: Jedenfalls. Bei allem, was in die vereinfachende Richtung zusätzliche Stunden geht, bin ich sehr vorsichtig. Ich denke nicht, dass es mit einer Stunde mehr oder weniger getan wäre. Hier geht es eher darum, ein Prinzip in den Köpfen zu verankern. Aber wir haben jetzt 14 Unterrichtsprinzipien, von Gesundheitserziehung bis zur Politischen Bildung. Ich glaube nicht, dass irgendjemand alle 14 aufzählen, geschweige denn sie in seinem Unterricht unterbringen kann. Hier besteht dringender Bedarf, sinnvolle Konvergenzen zu finden und den Bereich neu zu strukturieren. Aber der Lehrplan ist das eine, was tatsächlich im Klassenzimmer passiert ist das andere.

Mir kommt das Thema Bildung momentan im weitesten lebensbegleitendem Sinn zu kurz, man kann das nicht nur auf Politische Bildung reduzieren, das ist ein großer Auftrag.

derStandard.at: Gäbe es, wenn es nach Ihnen ginge, eine Koalitionsbedingung aus dem Bildungsbereich?

Schmied: Es gibt eine, aber die lässt sich schwer in Worte fassen: Die innere Einstellung und Haltung. Wenn der gemeinsame Wille nicht von Anfang an spürbar wird, wird es sehr schnell wieder schwierig. Ich glaube, dass es, abgesehen von inhaltlichen Übereinstimmungen, ein inneres emotionales Ja zu einer Gemeinsamkeit geben muss, sonst kommen wir schnell wieder in alte Muster.

derStandard.at: Und haben Sie diese emotionale Ja im Bildungsbereich in den vergangenen zwei Jahren gespürt?

Schmied: In den letzten Jahren war das sehr gespalten. Von einzelnen VP-Kreisen habe ich das Ja wahrgenommen, aber mit den Herrn Molterer, Schüssel und Neugebauer habe ich im wahrsten Sinne des Wortes erlebt, was Blockadepolitik heißt. Es hängt hier sehr viel von den handelnden Personen ab.

derStandard.at: Sie hätten, dem Gespräch nach, noch genug Vorhaben um eine Legislaturperiode als Bildungsministerin füllen zu können?

Schmied: (lacht) Ja, mindestens eine. (derStandard.at, 7.10.2008)

  • Claudia Schmied: "In dem Maß, in dem auch persönliche Begegnungen zwischen
ÖsterreicherInnen und MigrantInnen gelingen, in dem "die Ausländer"
plötzlich Gesicht und Namen haben, kann man viel erreichen."
    foto: standard/fischer
    Foto: Standard/Fischer

    Claudia Schmied: "In dem Maß, in dem auch persönliche Begegnungen zwischen ÖsterreicherInnen und MigrantInnen gelingen, in dem "die Ausländer" plötzlich Gesicht und Namen haben, kann man viel erreichen."

Share if you care.