"Wechseljahre des Mannes gleichen einem seelischen Infarkt"

6. Oktober 2008, 17:26
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Die Andropause ist noch immer ein wenig erwähntes Tabu, dabei unterscheiden sich die Symptome im Vergleich zur Menopause gar nicht gravierend - Experte Markus M. Metka im Interview

derStandard.at: Woran liegt es, dass die Andropause, die Wechseljahre des Mannes, im Vergleich zur Menopause so wenig Erwähnung findet?

Metka: Der Mann hat kein  biologisch eindeutiges Moment wie die Blutung der Frau. Stoppt diese, kann die Frau gar nicht übersehen, dass sie - biologisch gesehen - in einen neuen Lebensabschnitt kommt. Bei den Männern ist das verschwommener: Manche kommen erst mit 80 drauf, dass sie älter geworden sind. Die meisten haben überhaupt eine andere Einstellung zur Gesundheit und Vorsorge, es hat sich noch immer nichts daran geändert, dass sie Gesundheitsmuffel sind.

derStandard.at: Wie merkt ein Mann, dass er in der Andropause ist, was sind die Symptome?

Metka: Das vegetative Nervensystem kommt aus dem Gleichgewicht, die Folgen sind Schwitzen, dieses Rot-Anlaufen, Kreislaufstörungen, man spürt die Herzschläge. Auch Schlafstörungen, Libido- und Antriebsverlust und Gelenksbeschwerden treten auf. All diese Beschwerden treten bei den Männern statistisch gesehen fünf Jahre später auf. Bei den Frauen passiert es ab 50, bei den Männern ab 55 Jahren.

Spezifisch männlich sind natürlich die Erektionsstörungen. Hier hat aber Viagra in den letzten zehn Jahren geholfen. Gegen eine vernünftige Anwendung ist nichts einzuwenden, Dosis und Häufigkeit müssen aber unbedingt mit dem Urologen besprochen werden. Bei Herz und Kreislauf muss man sich aufklären lassen, da könnte es sonst Zwischenfälle geben.

derStandard.at: Gibt es Wechselwirkungen mit der Psyche?

Metka: Ja, natürlich, besonders das Bewusstwerden der Endlichkeit spielt eine Rolle. Die Andropause ist oft schwer zu unterscheiden von einem Burnout - dem seelischen Infarkt. Die depressiven Verstimmungen und die geringere Belastbarkeit sind ebenfalls psychische Symptome.

derStandard.at: Wie kommt es zur Andropause?

Metka: Hier ist ein großer Unterschied zur Frau. Bei ihr verändern sich manche Sexualhormone innerhalb weniger Monate gravierend - das Östrogen fällt ungefähr auf ein Zehntel hinunter. Beim Mann ist das ein schleichender Prozess. Das Testosteron nimmt zwar ab, aber linear - ein bis zwei Prozent pro Jahr. Deswegen ist der Prozess auch weniger greifbar für den Mann. Das gilt auch für die Therapie. Bei der Frau ist es relativ einfach: man kann messen wie sich die Sexualhormone teilweise drastisch verändern und kann diese dann, wenn man es richtig macht, entsprechend ergänzen. Das ist beim Mann nicht so einfach.

derStandard.at: Wie erfolgreich ist die Testosteron-Therapie beim Mann?

Metka: Da muss man sehr vorsichtig sein, der Urologe muss das genau abklären. Der Grund: es ist noch immer nicht geklärt, inwieweit Testosteron Prostatakrebs beeinflusst. Leider ist es eine Tatsache, dass fast die Hälfte aller 50-jährigen Männer schon Prostatakrebszellen haben - nur kommt es später bei wenigen zum Ausbruch. Die Frage ist offen, ob die Hormonersatztherapie das Risiko anheizt. Bei der Frau weiß man, dass es darauf ankommt wann mit der Therapie begonnen wird und wie viele Hormone gegeben werden.

derStandard.at: Lindern pflanzliche Mittel die Beschwerden?

Metka: Ja, sie sind für mich das erste Mittel der Wahl. Ganz wichtig sind hier die natürlichen Alpha-Reduktase-Hemmer. Das sind zum Beispiel Kürbiskerne und die so genannte Sägepalme - sie haben Enzym hemmende Eigenschaften, wodurch aus dem Testosteron weniger Dihydrotestosteron produziert wird. Das ist das schlechte Testosteron, das beim Mann die Haare ausfallen lässt und die Prostata vergrößert.

Fast die Hälfte der Männer mit 50 haben schon gutartige Prostatavergrößerungen - mit den entsprechenden Beschwerden wie stärkerer und nächtlicher Harndrang ect. Sehr gut gesichert durch große Studien ist die Wirksamkeit von Selen. Auch das in Tomaten sehr konzentrierte Lycopin ist eine wichtige Substanz für den Mann. Mit Pflanzen kann man viel machen.

derStandard.at: Was ist mit Soja und Rotklee?

Metka: Isoflavone sind beim Mann und der Frau ganz faszinierende Substanzen. Aber hier gilt: die besten und wirksamsten Isoflavone sind die natürlichen. Ich empfehle sojareiche Ernährung - immer wieder Tofu, Sojamilch, Misosuppe usw. - eine Erkenntnis, die im Japan schon sehr bekannt ist, bei uns aber noch nicht so sehr. Man sollte das in den Speiseplan einbauen - Sojajoghurt in der Früh statt Milchjoghurt - da tut man sich sicher sehr viel Gutes.

derStandard.at: Sind Extrakte in Verruf geraten?

Metka: Ja, weil man immer wieder sieht, dass die natürliche Zusammenstellung von Pflanzen besser wirkt als die Reinsubstanz. Der Grund ist, dass in den Pflanzen auch noch Koenzyme drinnen sind, bioaktive Substanzen, die für die Wirkung wichtig sind.

derStandard.at: Warum sind manche mehr, manche weniger von der Andropause betroffen?

Metka: Das weiß man nicht genau. Das ist ähnlich wie bei der Frau, 30 Prozent haben überhaupt keine Beschwerden - bei ihnen ist die Befindlichkeit völlig unverändert. Meine Erkenntnis: Man kann das Phänomen nicht nur auf die Hormone alleine reduzieren. Der andere Teil ist das weite Feld der Seele. Probleme wie die Andropause fange ich besser auf, wenn ich in einer glücklichen Beziehung bin. Wir sind außerdem einer großen Reiz- und Informationsüberflutung ausgesetzt, irgendwann bricht das System zusammen.

derStandard.at: Das heißt, die Andropause ist sehr komplex und muss ganzheitlich gesehen werden?

Metka: Ja, ich beschäftige mich ja auch mit alters-präventiver Medizin. Die fünf Säulen des Anti-Agings sind: richtige Ernährung, Hormone, richtige Bewegung, Umweltfaktoren (z.B. Rauchen, Anm.) und die Spiritualität. Seele, Psychosomatik und Sinnhaftigkeit spielen eine große Rolle. Das klingt philosophisch, aber so ist das Leben. (Marietta Türk, derStandard.at, 6.10.2008)

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    Experte Markus M. Metka sieht in der Andropause des Mannes Ähnlichkeiten zum Burnout

  • Zur Person
Markus M. Metka ist Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe und
Oberarzt an der Universitätsfrauenklinik in Wien. Er ist Präsident der
Österreichischen Menopause und Andropause Gesellschaft und Präsident
der Österreichischen Anti Aging Gesellschaft. Metka verfasste mehrere
Bücher und Fachartikel zu den Themen Wechseljahre und Anti Aging.
    foto: metka

    Zur Person

    Markus M. Metka ist Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe und Oberarzt an der Universitätsfrauenklinik in Wien. Er ist Präsident der Österreichischen Menopause und Andropause Gesellschaft und Präsident der Österreichischen Anti Aging Gesellschaft. Metka verfasste mehrere Bücher und Fachartikel zu den Themen Wechseljahre und Anti Aging.

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