Überfluss und leere Mägen

15. Oktober 2008, 16:49
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Hochwertige Lebensmittel vor dem Müll retten und sozial bedürftigen Menschen bringen: Diese Idee setzen die ehrenamtlichen MitarbeiterInnen der Wiener Tafel von Montag bis Samstag in die Tat um

Mittwochfrüh in der Lilienthalgasse im dritten Wiener Gemeindebezirk: Es ist bitterkalt, wer heute nichts zu erledigen hat, bleibt zu Hause. Doch vor dem Büro der Wiener Tafel herrscht schon geschäftiger Betrieb. Margit Paast und Michael Diem schlichten leere Kisten in einen weißen Kleintransporter, der im Laufe des Tages noch mit 590 Kilogramm Gemüse befüllt werden wird. Bei dem Verein engagieren sich rund 120 Menschen ehrenamtlich und retten täglich bis zu zweieinhalb Tonnen hochwertige Lebensmittel vor dem Müll. Rückspiegel positionieren, Sessel einstellen und den Stand des Benzintanks überprüfen: Und dann geht es mit einem Routenplan schon los. Erste Station ist die Marchfeldgemüse GmbH in Raasdorf.

Was sind das für Nahrungsmittel, die Betriebe entsorgen müssten, wenn sie nicht die Wiener Tafel abholen würde? Es handelt sich um Probe- oder Überproduktionen, Lagerbestände, deren Haltbarkeitsdatum bald abläuft, Waren mit Fehletikettierungen oder kleinen Verpackungsschäden. Paast und Diem sind nach einer halben Stunde Fahrt in Raasdorf angekommen. Die ehrenamtlichen Helfer bekommen heute übergroße Karotten, zu kleinen Sellerie und Zwiebel und Kartoffel, die zurück gekommen sind. Der Kunde hatte zu viel bestellt. Die Firma müsste das frische Gemüse entsorgen. Um täglich frische Nahrungsmittel zu garantieren, werden bewusst Überschüsse produziert: Überfluss und Vernichtung von Lebensmitteln auf der einen Seite - leere Mägen auf der anderen.

Von Montag bis Samstag unterwegs

Zurück in Wien gilt es sieben Einrichtungen zu beliefern. Meist dauert es bis drei oder vier Uhr Nachmittags, bis die Route abgefahren ist. Die Einrichtungen, die von der Wiener Tafel beliefert werden, haben mit manifest armutsbetroffenen Menschen zu tun: Flüchtlinge, Obdachlose, arme Familien in Mutter-Kind- oder Frauenhäusern. "In vielen sozialen Einrichtungen gab es, bevor die Wiener Tafel 1999 gegründet wurde, überhaupt kein Ernährungsangebot. Die Leute waren auf sich selbst gestellt. Mittlerweile können sie zwei bis drei Mal am Tag etwas Nahrhaftes essen. Das ist für Menschen mit angegriffenem Gesundheitszustand und schlechter Gesamtkonstitution überlebenswichtig", sagt Martin Haiderer, Geschäftsführer und Gründungsmitglied der Wiener Tafel. "Diese Menschen bekommen dort neben der materiellen Grundversorgung auch eine professionelle Beratung. Denn schließlich soll es darum gehen, dass sie wieder ein selbstbestimmtes Leben in der Gesellschaft führen können und nicht auf Almosen angewiesen sind", erklärt Haiderer.

Wir haben zwei Kleintransporter, mit denen wir von Montag bis Samstag unterwegs sind. So können wir rund 70 soziale Einrichtungen und 7500 sozial bedürftige Menschen versorgen", sagt Paast. Die pensionierte Lehrerin nimmt sich oft zwei Tage in der Woche Zeit für ihre Aufgaben bei der Wiener Tafel. Ihr Engagement spielt sie bei Nachfrage herunter: "Ich fahre einfach gerne Auto." An einem Mittwochmorgen in Niederösterreich bei 5 Grad übergroße Karotten zu schlichten, ist aber für viele Pensionisten nicht so selbstverständlich. Ja, auch sie habe nach ihrer Pensionierung ein Jahr lang einfach ausgespannt. Das sei ihr dann aber schnell zu langweilig geworden: "Wem das genügt. Mir genügt das nicht, ich möchte auch etwas Sinnvolles tun."

Ein Euro finanziert 100 Mahlzeiten

"Wir waren von Anfang an darauf angewiesen sehr effizient zu arbeiten. Wir hatten ein Startkapital von 5000 Schilling und haben damit die ersten drei Jahre gehaushaltet", sagt Haiderer. Ein gespendeter Euro finanziert 100 Mahlzeiten. Das funktioniert, weil Logistik, Auslieferung und Geschäftsführung ehrenamtlich arbeiten. Spendengelder fließen direkt in die Hilfslieferungen. Erst seit 2006 hat die Wiener Tafel ein eigenes Büro. "Davor haben wir 'on road' gearbeitet. Ab einer gewissen Größe geht das nicht mehr. Die Fixkosten für das Büro zahlt uns der Fond Soziales Wien. Das macht circa sieben Prozent unseres Gesamtbudgets aus, ist aber eine Basis", sagt Haiderer. Wichtige Stütze sind SponsorInnen, die kostenlos Ressourcen, wie etwa Internetzugang, Kleintransporter und Handies zur Verfügung stellen. Zur Finanzierung der Warenlieferungen ist die Wiener Tafel jedoch auf Geldspenden angewiesen, um die Sprit- und Betriebskosten zu bezahlen.

Überparteilich und konfessionslos

"Wir positionieren uns ganz bewusst überparteilich und konfessionsübergreifend. Zum einen sind wir natürlich auf eine Zusammenarbeit mit der Gemeinde Wien angewiesen, die rot ist. Zum anderen bekommen wir unsere Produkte von der Wirtschaft, die tendenziell eher schwarz ist. Und weil in Österreich alles ein Politikum ist, tut man gut daran, nicht eines der beiden Lager zu streifen", sagt Haiderer mit einem Schmunzeln. Die Tafel versteht ihr Engagement als ergänzendes Hilfsangebot. Dadurch soll der Staat nicht aus seiner Verantwortung entlassen werden - gegenüber den 1,1 Millionen Menschen, ein Drittel davon Kinder, die in Österreich in Armut leben. In einem Land, in dem übergroße, frische Karotten im Müll landen. (Julia Schilly, derStandard.at, 15. Oktober 2008)

Hintergrund

Die Wiener Tafel wurde 1999 von Martin Haiderer initiiert. Die Idee kommt aus den USA und wurde in den 80er Jahren mit City Harvest begonnen. 1992 wurde die erste Tafel in Deutschland gegründet, mittlerweile gibt es mehr als 700 Tafeln. In Österreich war die Wiener Tafel lange Zeit das einzige Angebot, seit vergangenem Jahr gibt es zwei zusätzliche Tafeln in Salzburg und in Eisenstadt. Mittlerweile sind 180 Firmen Warenspender, die ihre Logistik auf die Kooperation mit der Wiener Tafel abstimmen. Die Ablaufdaten werden streng eingehalten Die Unternehmen, die ihre Waren spenden, können nicht nur ihr soziales Engagement nach außen tragen, sondern ersparen sich Entsorgungskosten. Um ein Beispiel zu nennen: Einen Joghurtbecher zu produzieren kostet 20 bis 30 Cent, ihn zu entsorgen kostet 80 Cent bis zu einem Euro, weil Plastikbindegewebe und Alu getrennt entsorgt gehört. Auch für die Umwelt hat das positive Auswirkungen: Die Müllberge sinken, weil weniger biogene Substanzen in der Müllverbrennung sind und der Heizwert, also die Energieeffizienz steigt.

Die Wiener Tafel benötigt dringend einen dritten Kleintransporter.

Spendenkonto

Erste Bank, BLZ: 20111, Ktonr: 3100 530 3005

Kontakte für mögliche Sponsoren

office@wienertafel.at
43 (1) 236 56 87

 

  • Einer der zwei Kleintransporter im Einsatz, die Wiener Tafel benötigt dringend ein drittes Fahrzeug
    derstandard.at/jus

    Einer der zwei Kleintransporter im Einsatz, die Wiener Tafel benötigt dringend ein drittes Fahrzeug

  • Michael Diem und Margit Paast schlichten Kisten für den guten Zweck
    derstandard.at/jus

    Michael Diem und Margit Paast schlichten Kisten für den guten Zweck

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