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"Man steht schlicht und ergreifend am Bühnenrand und hört zu"

7. Oktober 2008, 11:16
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Andreas Bieber und Cornelius Obonya erzählen im derStandard.at-Interview wann stehlen sinnvoll ist und von synchronen Fehlern während des Singens

Andreas Bieber spielt in The Producers, der neuen Produktion der Vereinigten Bühnen Wien, den Buchhalter Leo Bloom. Mit dieser Rolle kehrt er ins Ronacher zurück, in dem er seine Musicalkarriere begonnen hat. Cornelius Obonya kennt das Wiener Publikum hingegen bisher von seinem Engagement  am Burgtheater. Als Broadway-Produzenten Max Bialystock überzeugt er auch in diesem Genre.

derStandard.at: Vor einigen Jahren habe Sie noch gemeint, dass es in Wien schwierig wird, so ein Stück wie The Producers aufzuführen. Sind Sie überrascht, dass es so gut angekommen ist?

Andreas Bieber: Wir haben natürlich alle gezittert bis zur Premiere. Der Stoff, dieser Humor, die Erwartungshaltung beim Publikum. Das ist natürlich eine ganz andere Welt als Amerika - Wien und der deutschsprachige Raum mit unserer Vergangenheit. Dass die Rechnung so super aufgegangen ist, freut uns alle umso mehr.

derStandard.at: Ist das Publikum anders als sonst? 

Bieber: Es ist nicht das typische Musical Publikum, sondern darüber hinaus kommen auch ganz andere Leute zu uns. Viele, die sonst gar nicht so in Musicals gehen. Das freut mich besonders, da das die Scheuklappen auch etwas geöffnet hat. Oft hören wir Kommentare wie „Aha, so kann Musical auch sein".

derStandard.at: Herr Obonya, Sie haben ihren Vertrag mit dem Burgtheater sogar früher gekündigt, um bei The Producers dabei sein zu können. Ist das nur ein Ausflug vom Sprechtheater?

Conrelius Obonya: Um ehrlich zu sein, kann ich das jetzt noch gar nicht sagen. Ich hätte das für kein anderes Musical als dieses gemacht. Gereizt hat mich vor allem die Geschichte des Stücks und der Musikstil. Davor habe ich eigentlich gar nichts mit Musicals am Hut gehabt.

derStandard.at: Was hat Sie an der Geschichte so angesprochen?

Obonya: Einfach diese wunderbare Gaunerkomödie, die mit einem großen Unterbau daherkommt, in dem dann noch eine ganz andere Geschichte verhandelt wird. Es ist schwer komisch und macht Spaß zu spielen.

derStandard.at: Mel Brooks hat vor einigen Monaten in einem Interview mit dem deutschen Focus gesagt, dass es vom deutschen und österreichischen Publikum etwas boniert sein, die Geschichte als Hitler-Musical zu bezeichnen und darauf zu reduzieren.

Obonya: Das ist wahr. Damit muss er aber hierzulande rechnen. Denn im englischsprachigen Raum wurden die Kriege gewonnen. Bei uns wurden sie alle verloren und das dritte Reich war der bitterste Zusammenbruch - verdientermaßen! Das heißt, man geht mit dem Thema generell etwas anders um. In Amerika ist das Spiel mit Hitler etwas vollkommen anderes. Die konnten natürlich schneller den Humor zu diesem Mann finden, als wir hier. Aber es geht eigentlich um die zwei Producers und ist eine Komödie. Er hat vieles hineingepackt, zum Beispiel eine eigene Abhandlung über die Branche.

derStandard.at: 12 Tony Awards, 2500 Mal gespielt, ein großer Erfolg am Broadway. Wie legt man bei solchen Vorgaben die Rolle an?

Obonya: Da hat man als Schauspieler im Grunde zugleich viele Möglichkeiten und keine. Die Inszenierung wurde von denselben Leuten gemacht. Es ist alles durchchoreographiert, auch die Sprechszenen und das ist von uns so einzuhalten. Für uns ist es toll, auf den Schultern dieser Leute zu stehen: Nathan Lane, Matthew Borderick, die diese Rollen miterfunden haben. Wenn man diese Grundgeschichte kapiert und die technischen Kenntnisse erlernt hat hat, dann bringt man hoffentlich seine eigenen Sachen ein. Denn so streng festgelegt ist das dann auch nicht.

Bieber: Es gibt ja diesen Satz: Besser gut geklaut, als schlecht erfunden. Wir stecken zwar schon im Korsett dieser Inszenierung, die ja schon erprobt ist und funktioniert hat. Aber nach diesem Grundgerüst geht es an die Feinheiten. Man kann aber wirklich sagen: Es ist sowohl total eingeschränkt, als auch frei. Man kann es aber jeden Abend aufs Neue mit Leben füllen. Das ist das schöne an diesem Stück, dass es sehr lebendig ist. Es ist nicht so überladen an Musik, wie andere Musical. Es handelt sich ja im Prinzip um ein Schauspiel mit Musik. Es geht nicht so nach Taktstock.

Obonya: Nigel West, der das Stück mit uns einstudiert hat, hat einmal gemeint, dass es eigentlich kein Musical, sondern ein „Actical" ist.

derStandard.at: Die Originalchoreographin Susan Stroman war auch einige Tage in Wien. Wie war die Zusammenarbeit?

Bieber: Sie kam relativ kurz vor der Premiere für den letzten Feinschliff. Einstudiert haben wir das über zehn Wochen mit ihrem Assistenten. Sie hat noch einmal den Grundspirit an der einen oder anderen Stelle wiederbelebt. An kleinen Details, haben wir vielleicht den einen oder anderen Hintergrund erkannt und da hat sie einfach geklärt.

derStandard.at: Hat sie deutsch verstanden? Oder ist sie bei den Pointen nach Rhythmus gegangen?

Obonya: Ja, alles was auf Englisch.

Bieber: Das fand ich auch das Faszinierende. Das hat auch unser Regisseur der Nigel West bei den Proben gemacht: Er hat die Augen zugemacht und gehört, was funktioniert und was nicht. Comedy generell, aber besonders die von Mel Brooks, ist wie Schlagzeug spielen. Wenn man da einen Schlag daneben ist, ist die Pointe weg. Darauf wurde sehr geachtet.

Obonya: Nigel West hat aber die deutsche Übersetzung sehr genau erklärt bekommen. Manches war auf Deutsch schlicht nicht übersetzbar, weil es mit dem Rhythmus nicht funktionierte. Auch Eigenheiten, die sehr wohl übersetzbar waren, konnten hier nicht übersetzt werden, weil es zum Beispiel ganz tief eine Sprache der New Yorker war. Kleine Kulturkreise fehlen hier einfach dafür. Genauso: Wenn wir Nestroy in Kuala Lumpur spielen würden, würde sich das Publikum auch an den Kopf greifen.

derStandard.at: Sie haben gute Kritiken für ihren Gesang bekommen. Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet, haben Sie als Burgschauspieler schon intensives Gesangstraining gehabt?

Obonya: Dazu hatte ich einfach keine Zeit. Ich hatte in meinem ganzen Leben einmal Gesangstraining an der Schaubühne in Berlin. Das habe ich jedoch abgebrochen, als ich gemerkt habe, dass ich völlig falsch zu atmen beginne. Ich bin gesegnet mit einer gewissen Naturatmung einem Naturrhythmus, der es mir erlaubt, meine Stimme völlig unter Kontrolle zu haben. Es ist jedoch ein Unterschied: Denn bei The Producers ist das hochprofessionell mit einem großen Orchester unten drunter, da muss man präzise sein.

Mein Training war aber, mit Leuten wie dem Andreas Bieber zusammen zu arbeiten. Da kann man fragen. Oder man steht schlicht und ergreifend am Bühnenrand und hört zu.

Bieber: Unter diesem Stern stand das ganze ein bisschen. Selten wird im Musical mit so vielen Zutaten gekocht. Burgschauspieler, Quereinsteiger aus dem Kabarett, viele kamen aus verschiedenen Ecken. Beim Zuschauen und Zuhören habe ich noch nie soviel bei den Proben gelernt, wie bei diesem Stück.

derStandard.at: Es ist also jeden Abend spannend?

Bieber: Ja, es passiert jeden Abend eine Kleinigkeit. Wir beide sind zum Beispiel schon so aufeinander eingespielt, dass wir die identischen Fehler machen. Wir haben uns schon mehrmals an derselben Stellen mit den selben Worten versungen. Das ist schon ein bisschen spooky. (red, derStandard.at, 6. Oktober 2008)

  • Andreas Bieber (links) und Cornelius Obonya als zwielichtige Broadway-Produzenten Leo Bloom und Max Bialystock
    vbw/oliver hadji

    Andreas Bieber (links) und Cornelius Obonya als zwielichtige Broadway-Produzenten Leo Bloom und Max Bialystock

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