"Veränderungen in der Hirnrinde darstellen"

5. Oktober 2008, 21:38
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In der Migräneforschung sind mittlerweile viele Bausteine entdeckt, die genaue Entstehung gibt aber weiterhin Rätsel auf: Im Interview Christian Wöber zum aktuellen Stand der Forschung

STANDARD: Die Entstehung der Migräne gibt noch immer Rätsel auf. Wo steht die Forschung heute?


Wöber: Es gibt vier Forschungsschwerpunkte: Genetik, Boten-_stoffe, die Neurophysiologie und die funktionelle Bildgebung. In der Genetik wurde bereits vor mehr als 15 Jahren für eine Sonderform der Migräne - die familiäre hemiplegische Migräne - ein Gendefekt entdeckt. Bei den häufigen Migräneformen dürften mehrere Gene zusammenspielen. Der jüngste Erfolg ist die Entdeckung eines Dopaminrezeptor-Gens bei Kindern, das vor Migräne schützt.


STANDARD: Was weiß man über die Rolle der Botenstoffe?


Wöber: In die Entstehung einer Migräneattacke sind eine Reihe von Neurotransmittern wie Serotonin, CGRP (Calcitonin gen related peptide) oder Stickstoffmonoxid involviert. Sie sind von Bedeutung, weil sie Ausgangspunkt für die Entwicklung von spezifischen Migränemedikamenten sind. Um 1990 revolutionierten Serotonin-Agonisten, die sogenannten Triptane, die Migränetherapie. Am weitesten gediehen sind heute die Studien mit CGRP-Antagonisten. Die neue Substanz steht im Rahmen einer klinischen Studie auch an der Universitätsklinik für Neurologie in Wien zur Verfügung. Sie können auch bei Herzkranken eingesetzt werden.


STANDARD:  Migränepatienten reagieren stark auf Außenreize, haben viele Faktoren, die den Anfall auslösen. Wird das berücksichtigt?


Wöber: Ja, mithilfe spezieller neurophysiologischer Untersuchungen der ereigniskorrelierten Potenziale konnte gezeigt werden, dass das Gehirn von Migränebetroffenen auf Außenreize anders reagiert als bei Gesunden.


STANDARD:  Wie konkret?


Wöber: Migränepatienten nehmen Umweltreize intensiver wahr, können sie nicht ignorieren. Während Menschen, die nicht an Migräne leiden, den tropfenden Wasserhahn nach einiger Zeit nicht mehr hören, können Migräniker das lästige Geräusch nicht einfach ausblenden.


STANDARD:  Ist es für Betroffene nicht schwierig, dass die Migräne weder in Laborwerten noch durch bildgebende Verfahren nachweisbar ist?


Wöber: Die Tatsache, dass es für Migräne keinen Biomarker gibt, dass also die Erkrankung in der täglichen Praxis mit keinem Labortest und keiner radiologischen Untersuchung nachgewiesen werden kann, löst immer wieder Fragen der Betroffenen aus, die sich nicht vorstellen können, dass bei einer so belastenden Erkrankung alle Befunde unauffällig sind. Im Rah-men wissenschaftlicher Studien konnte mittels Positronen-Emissions-Tomografie (PET) und funktioneller Magnetresonanztomographie Migräne aber sehr wohl sichtbar gemacht werden. Dadurch wurde es möglich, Veränderungen in der Hirnrinde beziehungsweise im Hirnstamm darzustellen.


STANDARD:  Welche Formen der Migräne sind heute bekannt?


Wöber: Migräne tritt am häufigsten als Migräne ohne Aura (Wahrnehmungsstörungen, Anm.) auf, die sich durch einseitige, pochende, mittelstarke oder starke Kopfschmerzen auszeichnet, die bei alltäglichen Bewegungen wie Gehen oder Stiegensteigen zunehmen und von Übelkeit oder Erbrechen bzw. Licht- und Lärmempfindlichkeit begleitet sind.
Bei der selteneren Migräne mit Aura gehen den Kopfschmerzen Sehstörungen, einseitiger Ameisenlauf oder Sprachstörungen voraus, die langsam beginnen und innerhalb einer Stunde wieder abklingen.


STANDARD: Gibt es auch Migräne ohne Kopfschmerz?


Wöber: Ja. Die eben genannten Seh-Empfindungs- und Sprachstörungen können auch isoliert, ganz ohne nachfolgende Kopfschmerzen auftreten oder von nur leichten Kopfschmerzen gefolgt sein. Das Auftreten solcher isolierter Aurasymptome erfordert aber eine genaue medizinische Abklärung.

  • Zur PersonChristian Wöber ist Neurologe und Leiter des
Spezialbereichs Kopfschmerz an der Universitätsklinik für Neurologie
der Medizinischen Universität Wien.
    foto: christian wöber

    Zur Person
    Christian Wöber ist Neurologe und Leiter des Spezialbereichs Kopfschmerz an der Universitätsklinik für Neurologie der Medizinischen Universität Wien.

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