Abu Ghraib als "Pathologie einer sexuell perversen Frau"

5. Oktober 2008, 18:03
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Die Kulturhistorikerin Anna Bergmann spricht im dieStandard.at-Interview über Lynndie England und Jessica Lynch als weibliche Prototypen in der Kriegsberichterstattung

Stereotype mediale Rollenzuschreibungen an Frauen im Krieg ließen sich über Jahrhunderte europäischer Kulturgeschichte bis zu den Hexenverbrennungen zurückführen, so die Kulturhistorikerin Anna Bergmann. Anlässlich der Tagung "Das erste Opfer des Krieges ist ... die Emanzipation", die Anfang Oktober in Salzburg den Zusammenhang von Medien, Krieg und Geschlecht ausleuchtete (siehe: Flintenweiber und "Peace Moms"), sprach dieStandard.at mit Bergmann über ihre Funde in der deutschen Kriegsberichterstattung.

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dieStandard.at: Zum Thema Frauen, Medienbilder und Irakkrieg fällt unweigerlich der Name Lynndie England. Inwiefern ist Englands Darstellung in den Medien typisch oder auch untypisch für Frauenbilder im Irakkrieg?

Bergmann: Das Militär ist als Institution kollektiver Gewaltausübung medial und historisch dem männlichen Geschlecht zugeordnet. Trotzdem wurde Lynndie England zu einer Repräsentationsfigur von Gewalt. Sie ist aufgrund ihrer Beteiligung an der Folterpraxis in dem Bagdader Gefängnis Abu Ghraib die weltweit berühmteste Soldatin geworden. Dass diese Folterpraxis System und eine lange Vorgeschichte mit über Jahrzehnten durchgeführten psychologischen und medizinischen Folterexperimenten unter der Regie der CIA hatte, verschwindet hinter Bildern, auf denen Lynndie England außerhalb von jeglicher Befehlstruktur als Sadistin individuell zu handeln scheint.

Stattdessen stehen die Taten von Lynndie England für die Pathologie einer sexuell perversen Frau. Die Verhörmethode der "sensorischen Deprivation" wurde zunächst in den US-Stützpunkten Bagram bei Kabul und in Guantánamo auf Kuba angewandt, das hat bereits 2002 die amerikanische Zeitung Washington Post an die Öffentlichkeit gebracht - also lange vor der Publikation einiger weniger von über hundert vorliegenden Folterbildern aus dem Gefängnis Abu Ghraib im Frühjahr 2004. Trotzdem wurden ausgerechnet die Gewalttaten einer Frau mit den zur Veröffentlichung freigegebenen Fotos in das kollektive Gedächtnis eingeschrieben.

dieStandard.at: Wie erklären Sie sich das? Gehen solche Zuschreibungen auf tradierte Weiblichkeitsbilder zurück?

Bergmann: Dieser Darstellungsmodus von weiblicher Gewalt hat eine gewisse Verwandtschaft mit der Hexe als weiblicher Repräsentationsfigur sexueller Übermacht und dem Bösen schlechthin. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund war auch in der deutschen Tageszeitung Bild von der "Folterhexe" die Rede.

Darstellungen von Seuchen als Frauenfiguren sowie die feminine Benennung von Tötungs- und Folterinstrumenten haben in der europäischen Kulturgeschichte eine lange Tradition. Auf das weibliche Geschlecht projiziert, löste eine Maschine die "schmutzigen" Hände des Henkers ab und machte die hinzurichtenden Menschen zu sexuellen Opfern einer tötenden Weiblichkeit.

dieStandard.at: Lassen sich solche Muster auch im weiteren Verlauf der westlichen Kulturgeschichte verfolgen?

Bergmann: Die Phantasie von einer sexuell mordenden Frau dürfte auch die Namensgebung für den Bikini beflügelt haben: Angelehnt an die zeitgleich stattfindenden amerikanischen Experimente mit Atom- und Wasserstoffbomben auf dem Bikini-Atoll der Marshall-Inseln im mittleren Pazifik wurde der Bikini als Strandmodenmodell 1946 von dem französischen Couturier Louis Réard so benannt. Auch die in den 1950er-Jahren entstehende Metaphorik des "Atombusens", der "Sexbombe" und der Pilotenkult mit den auf amerikanische Bomber-Maschinen gezeichneten Pin-up-Girls schließen an die Todeslogik der Hexenverfolgung an, in denen der Tod als sexuell überwältigende Frau repräsentiert ist.

dieStandard.at: Frauen werden aber nicht nur als Täterinnen gezeigt - traditionell scheint eher ihre Darstellung als Opfer verbreitet zu sein. Welche Beispiele gibt es da im Irakkrieg von 2003?

Bergmann: Typisch für diesen Darstellungsmodus ist etwa die Befreiung der 19-jährigen US-Gefreiten Jessica Lynch aus der Kriegsgefangenschaft durch ein Sonderkommando von US-amerikanischen Eliteeinheiten. Bei einer Wartungseinheit war Lynch in Gefangenschaft geraten und wurde verletzt in das Saddam-Hospital bei Nassirija gebracht.

Zunächst berichtete die Presse nur von einer Schusswunde, aber schließlich hieß es, sie sei gefoltert und vergewaltigt worden. Lynch wurde dann in den amerikanischen Medien als "Heldenmädel Jessica Lynch" gefeiert. Ihr Heldentum beruhte aber nicht auf den klassisch militärischen Attributen ihrer männlichen Befreier, sondern auf ihrem Opferstatus.

dieStandard.at: Krieg ist traditionell ein männlich besetztes Thema. Gibt es andere typische Rollen, die Frauen hier zugewiesen werden?

Bergmann: Frauen bildeten seit dem 14. Jahrhundert einen Bestandteil der Armeen und wurden erst mit der Formierung des modernen Militärwesens und der Einquartierung der Truppen in Garnisonen gänzlich ausgeschlossen. Im Ersten Weltkrieg spielten dann Frauen als Krankenschwestern, insbesondere im Sinne einer für die verletzten Soldaten unverzichtbaren Mutterfigur, eine große Rolle.

Das entsprach dem Weiblichkeitsideal, das sich im Laufe des 19. Jahrhunderts immer deutlicher und rigider ausprägte. Frauen wurden so aus dem gesellschaftlichen Leben systematisch ausgeschlossen und auf das damalige Mutterideal eines passiven, von Emotionen dominierten Gefühlswesens festgelegt.

dieStandard.at: Besonders der Afghanistankrieg wurde unter anderem auch mit der Unterdrückung der Frauen im Taliban-Regime gerechtfertigt. Wie spiegelt sich das in der Medienberichterstattung wider?

Bergmann: Die Misshandlung von Frauen schrieb sich in die westliche Vorstellungswelt als das Hauptmerkmal der afghanischen Kultur ein, die auf diese Weise auch als eine homogene Gesellschaft vermittelt wurde. Faktisch ist sie das allerdings nicht, denn insbesondere Afghanistan zeichnet sich durch eine große Vielfalt nicht nur in sprachlicher und ethnischer, sondern auch in religiöser Hinsicht aus.

Bemerkenswert ist, dass in der Charakterisierung der in Afghanistan herrschenden männlichen Gewalt durch die Taliban auch häufig der Vergleich mit dem mindestens 500 Jahre zurückliegenden europäischen "finsteren Mittelalter" gezogen wurde. Das ist eine Epoche, die in unserem Geschichtsbewusstsein fälschlicherweise mit der erst in der europäischen Frühmoderne erfolgten Gewalteskalation vor allem durch den Anstieg kriegerischer Auseinandersetzungen, Folterungen, Hexenverfolgungen und Hinrichtungsexzessen im 17. Jahrhundert identifiziert wird.

dieStandard.at: Hat so eine Gleichsetzung mit dem "finsteren Mittelalter" nicht vor allem einen propagandistischen Zweck?

Bergmann: Die gängige Gleichsetzung von Gewaltverhältnissen des europäischen Mittelalters mit denen der afghanischen Gesellschaft ist unhaltbar. Sie dient eher einer Idealisierung unserer westlichen Zivilisation, die sich so zu einer gewaltfreien und durch geschlechtliche Gleichberechtigung auszeichnenden Zivilgesellschaft, kurzum zur Repräsentation der höchsten Kulturstufe stilisiert, obwohl auch bis in unsere jüngste Vergangenheit das Geschlechtersystem der westlichen Zivilisation auf dem militärischen Männlichkeitsideal und der Verhäuslichungsideologie der Frau, also auf einer tief verwurzelten eigenen patriarchalen Tradition beruhte.  (Markus Peherstorfer, dieStandard.at, 5.10.2008)

  • Anna Bergmann suchte nach weiblichen und männlichen Rollenstereotypen in der Berichterstattung deutscher Qualitätsmedien über die Kriege in Afghanistan und im Irak. Sie wurde fündig.
    foto: rainer berson

    Anna Bergmann suchte nach weiblichen und männlichen Rollenstereotypen in der Berichterstattung deutscher Qualitätsmedien über die Kriege in Afghanistan und im Irak. Sie wurde fündig.

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