Derek Meins: "The Famous Poet"

    5. Oktober 2008, 15:22
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    Ein Mann lässt seine inneren Dämonen raus und ist als Dichter mit der Brechstange unterwegs

    Mann, können CD-Cover verlogen sein - nicht des Understatements im Titel, sondern des Bildes wegen, das irgendwie eine schüchtern verhuschte Dichterseele suggeriert. Und falscher könnte man gar nicht liegen bei jemand, der schon die simplen Vorstellungsworte I am the famous poet, Derek Meins mehr nach I am the god of hellfire klingen lässt. Und da ist Derek Meins noch nicht einmal annähernd zu der brachialen Hochform aufgelaufen, die ihn bei seiner Tirade gegen den Valentinstag ("Modernity") ereilt, ganz zu schweigen von "Richard": einer Führung zum gewalttätigen Patienten Nr. 3 in Chefarzt Johnny Rottens psychiatrischer Abteilung, in der Derek vor allem seine eigenen Dämonen rauslässt.

    "Velveteen"/"The Freud-Song" (Live-Akustik-Version)

    Derek Meins aus Brighton ist der Mann, der den slam in den Poetry slam zurückbringt. Er heult, stöhnt und windet sich auf der Bühne in Krämpfen. Und apropos: die Cramps sieht er als einen seiner maßgeblichen Einflüsse an, gut zu hören im ersten Song des aktuellen Mini-Albums: "The Freud Song" über die versautesten Familienverhältnisse seit Pulps "Razzmatazz". Verschärfter Rockabilly bildet einen Eckpfeiler in Meins' musikalischer Welt, deren Wurzeln aber vor allem in einer Folk- und Blues-Tradition von Leadbelly oder Woody Guthrie bis zu Tom Waits liegen. Da kalauert er sich if the ocean was made out of gin maybe I would learn how to swim durch eine Trinkerballade ("The Gin Song"), bearbeitet das Traditional "Oh! You Pretty Woman" mit Banjo und Humpapa-Faktor und hebt mit "Honeygirl" sogar in kitschige Sphären ab. Nicht zu vergessen das Walzer-Bruchstück "Over Yonder" am Ende, das wie vieles andere auf "The Famous Poet" (mit dem bescheidenen Untertitel "Collected Works") aus spontanen Studio-Sessions heraus in aller Kürze entstanden und in aller Ungeschliffenheit erhalten geblieben ist.

    ... soweit zur Musik, die aber wie gesagt nur die Hälfte des Meins'schen Schaffens - auf Platte ebenso wie bei Live-Auftritten - ausmacht. Dazu kommen Dramolette mit surrealem Touch: In "Ex-her-size" hat der Protagonist die tödliche Idee mit seiner Freundin joggen zu gehen, bis er zur Kenntnis nehmen muss, dass er mit ihr nicht mithalten kann und sie buchstäblich aus seinem Leben läuft. Was vielleicht seinen Hass auf den Valentinstag erklärt, aber nicht, wie die ugly modernity zur Verehrerin wird, die Meins ein herzförmiges Schächtelchen mit dem Poem Roses are red, violets are blue - I'm modernity and I wish to fuck with you (in elektronisch verzerrter "Frauenstimme" von Meins' Produzent Iain Harvie getschilpt) überreicht: Da toben offenbar noch ganz andere seelische Stürme unter der Oberfläche. Und das Schöne ist: Meins lässt sie früher oder später alle raus.

    "Ex-her-size"

    Ob er seine Tiraden zu Schlagzeugdonner ("A City Called Hell") hält oder gänzlich a cappella, spielt keine Rolle; ebensowenig ob nur ins Klavier gehackt wird oder die gesamte Begleitband zum Einsatz kommt: Meins' Stimmperformance ist derart raumgreifend, dass er nur aus einem Kochbuch zu rezitieren bräuchte, um das Publikum eingeschüchtert lauschen zu lassen. Verblüffend eigentlich bei jemand, der erst 21 ist - allerdings hat Derek mit seiner ehemaligen Band Eastern Lane auch schon einige Jahre an Bühnenerfahrung hinter sich und dabei gelernt, was Präsenz bedeutet. Und was sie leisten kann. Da zieht etwas Großes, Dunkles und sehr Lautes am Horizont auf!
    (Josefson)

    • Derek Meins: "The Famous Poet" (1965 Records/Hoanzl 2008)
      coverfoto: 1965 records

      Derek Meins: "The Famous Poet" (1965 Records/Hoanzl 2008)

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