"Kommt die Autobahn, haben wir ein Problem"

3. Oktober 2008, 19:52
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Der slowakische Autozulieferer Miba, der 1991 ein Werk ohne Autobahnanschluss gekauft hat, spürt den Sog von in der Nähe angesiedelten Firmen - Reportage

Loyalität ist ein Fremdwort in der Slowakei. Der Autozulieferer Miba, der 1991 ein Werk ohne Autobahnanschluss gekauft hat, spürt den Sog von in der Nähe angesiedelten Firmen und setzt als erster auf Lehrlingsausbildung.

Bratislava-Zilina ist eine Rennstrecke. Gut 200 km ist die 85.000 Einwohner zählende Stadt im Nordwesten der Slowakei von Bratislava entfernt. An Geschwindigkeitsbeschränkungen auf der Autobahn hält sich kaum jemand.

Dass der Bau der Autobahn so rasch voranging, liege an "den Koreanern" , wird gemunkelt. Gemeint ist Kia. Der Autobauer aus Südkorea hat am Stadtrand von Zilina sein größtes europäisches Werk hingeklotzt. Eine Mrd. Euro wurden bis dato verbaut, ein Rattenschwanz von Zulieferunternehmen hat sich in unmittelbarer Nähe niedergelassen. Bis 2010 soll die Produktion des Kia-Werks das Kapazitätsmaximum von 300.000 Stück pro Jahr erreichen.
Die Autobahn, die jetzt in Zilina endet, soll nach Plänen der Regierung weitergebaut werden. Ziel ist es, Kosice, ein Industriezentrum im wirtschaftlich schwachen Osten der Slowakei mit dem florierenden Westen des Landes zu verbinden.

Wohlstandskipferl

"Im Wohlstandkipferl entlang der ungarisch-österreichisch-tschechischen Grenze gibt es so gut wie keine Arbeitslosigkeit, in der Ostslowakei schon. Da haben zum Teil bis zu 20 Prozent der Bevölkerung keine Arbeit. Von dort karren Unternehmen wie beispielsweise VW Leute in Bussen zu ihren Werken im Westen des Landes," weiß der österreichische Handelsdelegierte in Bratislava, Konstantin Bekos. Viele Arbeitslose gehörten der Gruppe der Roma und Sinti an, die wenig Chancen auf Beschäftigung hätten.

In einigen Jahren könnte die Autobahn auch an Dolný Kubín vorbeiführen. Niederkubin, wie die Stadt wörtlich übersetzt heißt, liegt nur 60 km von Zilina entfernt. Derzeit ist die 8000 Einwohner Stadt nur über enge Straßen zu erreichen, die sich durch die Hohe Tatra winden.
" Wenn die Autobahn kommt, haben wir ein Problem. Dann wird es noch schwerer sein, die Leute zu halten" , sagte Michael Schleicher. Er leitet gemeinsam mit Vladímir Toman den Standort der Miba Sinter Slovakia in Dolný Kubín, wo Sinterformteile für Motoren und Getriebe hergestellt werden.

Als sich das Autozulieferer Miba aus Laakirchen (OÖ) kurz nach der Wende entschloss, in die Slowakei zu gehen und ein Werk zu kaufen, gab es rundum keine Konkurrenz. "Miba war ein Pionier, das erste westliche Unternehmen, das mit einer Industrieproduktion bei uns begonnen hat" , sagte Toman bei einem Lokalaugenschein des Standard.

Kein Billiglohnland

Inzwischen hat eine Vielzahl großer, internationaler Konzerne Werke aus dem slowakischen Boden gestampft. Die Slowakei ist – gemessen an der Bevölkerung – inzwischen der größte Autoproduzent der Welt. Neben Kia, VW oder PSA haben auch Elektronikgrößen wie Sony oder Samsung riesige Produktionen auf die grüne Wiese gestellt. Und alle haben Bedarf an technisch geschultem Personal.

"Die Unternehmen machen sich gegenseitig Leute abspenstig, die Löhne steigen" , sagte Schleicher. Die Einstiegslöhne lägen derzeit bei einem Fünftel der österreichischen, Ingenieure erhielten rund ein Drittel, Führungskräfte fast gleichviel wie in Österreich. Schleicher: "Die Slowakei ist noch immer günstig, aber sicher kein Billiglohnland mehr."

Bindung an den Betrieb

"Für uns heißt das, dass wir höherwertige Produkte herstellen müssen mit bestens ausgebildeten Leuten" , ergänzte Toman, der schon beim Vorgängerunternehmen werkte, das ebenfalls Sinterformteile herstellte.

Aus der Not will Miba nun eine Tugend machen. Um sich für die Zukunft zu rüsten, hat der Autozulieferer im Frühjahr in Dolný Kubín mit einer Lehrlingsausbildung nach österreichischem Vorbild begonnen. "Wir hoffen, dass uns damit auch eine stärkere Bindung der Beschäftigten an den Betrieb gelingt" , sagte Standortleiter Schleicher. Neben einem Stipendium zahlt Miba auch eine Lehrlingsentschädigung.

"Wenn ich hier einen sicheren Job bekomme, bleibe ich garantiert hier" , sagte Lukas Bugan, einer von zwei Dutzend Studenten der integrierten Mittelschule von Dolný Kubín, die an der dualen Lehrlingsausbildung teilnehmen. (Günther Strobl aus Dolný Kubín, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4./5.10.2008)

  • Eine Woche Theorie in der Schule, eine Woche Praxis im Betrieb:
Lukas Bugan ist einer von zwei Dutzend Studenten, die eine
Lehrlingsausbildung bei Miba Slovakia machen.
 
    foto: standard/strobl

    Eine Woche Theorie in der Schule, eine Woche Praxis im Betrieb: Lukas Bugan ist einer von zwei Dutzend Studenten, die eine Lehrlingsausbildung bei Miba Slovakia machen.

     

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