Sei dein eigenes Universum!

3. Oktober 2008, 17:13
posten

Peter Weibels Kunstbiennale in Sevilla fordert die Besucher des Andalusischen Zentrums für Zeitgenössische Kunst auf, ein neues Universum zu entdecken - das eigene

Die Lokalität allein ist gewaltig: Das Andalusische Zentrum für Zeitgenössische Kunst (CAAC), in dem heuer zum dritten Mal die Kunstbiennale von Sevilla (BIACS) stattfindet, ist in einem ehemaligen Kloster samt angeschlossener historischer Porzellanmanufaktur untergebracht. Weithin sichtbar stechen Schlote in den Himmel, im Inneren regiert hingegen die strenge Geometrie klösterlicher Zellen.

In diesen langgezogenen Wandelgängen der Kontemplation hat Chefkurator Peter Weibel seine Schau Youniverse untergebracht. Sei dein eigenes Universum - und jede Zelle wird zum Ort der Begegnung mit sich selbst. Hier wird interagiert, was die Computer hergeben. Denn, wie Weibel meint: "Der Zuschauer selbst ist der Protagonist." Die Evolution der Technologie habe zu Demokratisierungsprozessen innerhalb der Kunst geführt, und hier sei jeder dazu aufgerufen, Teil der Kunst zu werden oder gleich selbst Kunstwerke zu generieren.

Die Idee ist zwar nicht neu, aber es werden potenzielle Betätigungsfelder für Besucher geboten, denen man sich gar nicht entziehen kann, auch wenn man wollte. Kameras fangen die Bewegungen und Konterfeis der Betrachter ein und werfen sie verzerrt und vervielfacht auf Wände zurück, virtuelle Seifenblasen wirbeln im Besuchersog über die Screens, interaktive Soundinstallationen surren und scheppern durch die Gänge.

In einer Zelle hängt ein Wald aus feinen Metallstangen von der Decke, der, wenn er durcheinandergewirbelt wird, ein Blitzgewitter kleiner Entladungen produziert, was deutlich an Wunderkerzen erinnert. "Zeus Playing" heißt die interaktive Installation von Antonio Barrese. Ein paar Kuben weiter schwingen Leute Laserschwerter und betrachten im Anschluss die videogebannten grün-gelben Lichtschlieren an der Wand. Pips:Lab aus Holland haben sich das ausgedacht.

Krabbeln am Computerpapier

Christa Sommer und Laurent Mignonneau spannen eine Art leuchtendes Computerpapier in eine alte Schreibmaschine: Mechanisches Tastengeklappere erzeugt Buchstaben, doch die wandeln sich ruck, zuck zu insektenartigen Kreaturen, die unkontrolliert über das Computerpapier krabbeln. Unsere Welt, so Peter Weibel, sei eine der Information und Kommunikation geworden, und mit diesen Prozessen und Instrumenten könne man in demokratischer oder imperialistischer Manier Umgang pflegen. Damit die Botschaft der Biennale auch außerhalb des Zentrums spürbar wird, gibt es allerlei Projekte in den öffentlichen Räumen der Stadt. So kann die Masse der Passanten beispielsweise die Lichtfärbung des höchsten Gebäudes Sevillas über Mobiltelefone steuern. Wenn alle "Rot" anrufen, leuchtet der Turm eben rot.

Das größte Projekt der Schau steht unübersehbar vorm Eingang des CAAC: The Morning Line, beauftragt von Francesca Habsburgs Thyssen Bornemisza Art Contemporary und entworfen von US-Künstler Matthew Ritchie in Zusammenarbeit mit den Architekten Aranda/Lasch. Das verschnörkselte, kohlrabenschwarz überpinselte Aluminium-Konstrukt gleicht einer in der Dreidimensionalität geronnenen Mandelbrotmenge: Fraktale unterschiedlicher Größe sind zu einer räumlichen Struktur aufgetürmt, die allzu lieblich anzuschauen ist.

Dass diese Idee weder neu noch aufregend ist, dürfte auch Francesca Habsburg aufgefallen sein. "Irgendwann dachte ich, das Ding sollte auch etwas können", meint sie, und ließ das Objekt mit einer raffinierten Soundmaschinerie bestücken. Eine gute Idee. Denn solchermaßen wird die Angelegenheit zumindest zu einer Klang-Struktur, bestehend aus einem Hightech-Lautsprechersystem, das diversen in Auftrag gegebenen Kompositionen, etwa von Florian Hecker oder Bryce Dessner, virtuellen Klangraum bietet. In der Folge soll "The Morning Line" auf Tour gehen, nächster Stop ist London. Weitere Kompositionen werden folgen. (Ute Woltron aus Sevilla, DER STANDARD/Printausgabe, 04.10.2008)

  • "The Morning Line": Das Aluminium-Konstrukt von Mathew Ritchie und den Architekten Aranda/Lasch an den Pforten der Kunstbiennal in Seviall kann auch Geräusche machen.
    foto: biennale sevilla

    "The Morning Line": Das Aluminium-Konstrukt von Mathew Ritchie und den Architekten Aranda/Lasch an den Pforten der Kunstbiennal in Seviall kann auch Geräusche machen.

Share if you care.