Szenische Untergriffe auf hohem Niveau

3. Oktober 2008, 17:04
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Viel Applaus und Jubel nach Nikolaus Bachlers Einstandspremiere als neuer Münchner Operndirektor - Szenischer Störenfried vom Dienst: Martin Kušej

Über die Fassade der Bayerischen Staatsoper war vor der Premiere von Giuseppe Verdis Macbeth ein großes Tuch gespannt, auf dem in derben Lettern zu lesen stand: "Wer schläft, stirbt".

Die Bedeutung dieses rätselhaften Satzes erschloss sich möglicherweise dem einen oder dem anderen Premierengast gegen Ende der Vorstellung, als Regisseur Martin Kušej die Einfälle, mit denen er das Publikum zu provozieren versuchte, allmählich ausgingen, so dass er den Wald von Birnam nicht einmal andeutungsweise zu zeigen, geschweige denn zu bewegen vermochte.

Vielleicht war der Satz als drastischer Versuch zu verstehen, das Publikum nach drei Stunden Macbeth und noch immer keinem Ende vor dem vielleicht drohenden Einnicken zu bewahren.

Denn da war auch schon das Bayerische Staatsorchester, das unter Dirigent Nicola Luisotti durch eine Mischung aus Verdi-Temperament, Präzision und unglaublicher dynamischer Flexibilität diese Premiere wider aller szenischen Interventionen das ungewöhnlich hohe musikalische Niveau weitgehend zu bewahren vermochte, ein wenig ermüdet.

Doch der Reihe nach: Vor Beginn der Vorstellung trat der Wiener Burgtheaterdirektor vor den Vorhang und entschuldigte Nadja Michael, die Sängerin der Lady Macbeth, in seiner neuen und zusätzlichen Würde als Chef der Münchner Oper, wegen eines grippalen Infektes als indisponiert. Das wäre eigentlich ein Grund, nach Hause zu gehen. Denn ohne Lady Macbeth ist doch diese ganze Oper nichts.

Bravouröse Musikalität

Zum Glück blieben alle auf ihren Plätzen. Allerdings wird man die künftigen Ankündigungen des Münchner Operndirektors mit Vorsicht genießen müssen. Denn Nadja Michael war eine Lady Macbeth von bravouröser Musikalität und explosiver darstellerischer Intensität, mit der sie sämtliche von der Inszenierung an sie gestellten, mitunter beinah schon akrobatischen Auflagen erfüllte.

Doch auch jene Mitwirkenden, die der Direktor nicht als indisponiert angekündigt hatte, fügten sich in das vom Orchester vorgegebene musikalische Großformat dieser Produktion. So wusste vor allem Roberto Scandiuzzi, dem als Banco, wie noch zu schildern sein wird, ein schweres szenisches Schicksal bevorsteht, durch die souveräne Ruhe seines klaren italienischen Basses das Publikum ebenso zu begeistern wie Željko Luèić, der die Titelpartie mit großer baritonaler Dramatik zu gestalten vermochte. Die beiden Tenöre, Dimitri Pittas (als Macduff) und Fabrizio Mercurio (als Malcolm), trugen ebenfalls zur musikalischen Brillanz bei, mit der diese Vorstellung ihrem szenischen Outfit trotzte. Da das knappe Vorspiel Martin Kušej offenbar zu lang war, setzte die Szene nämlich schon vor selbigem ein. Martin Zehetgruber hat eine flachhügelige Landschaft aus Totenschädeln entworfen.

Im Vordergrund steht ein behelfsmäßig hingebautes kleines Zelt. Man staunt allerdings, wie viele Leute darin Platz haben. Es stolpern nämlich nicht nur Macbeth und seine Lady, die beide natürlich noch nichts zu singen haben, heraus, sondern auch eine Unzahl von Kindern, die eigentlich die ganze Vorstellung hindurch ziemlich überflüssig herumzustehen haben.

Kollektive Nummer

Irgendwie geht das Ganze in die Szene der Hexen über, die sich wie nach einem Floh- oder Läusebefall immer wieder, als würden sie veitstanzen, am ganzen Körper wild zu kratzen beginnen. Und während des zweiten Finales genügen schon wenige Verdi-Takte für eine schnelle kollektive Nummer im Flackern eines lichtzerhackenden Stroboskops, nach der sich alle Beteiligten ihre Toilettefehler und sonstigen kostümografischen Defekte korrigieren.

In der zweiten Hexenszene kommt es noch dicker: Da wird eine chorische Pinkelorgie veranstaltet, bei der sich eine ganz vorne an der Rampe stehende, eigentlich recht zart gebaute Dame als wahres urologisches Wunder erweist: Sie begleitet diese nicht ganz kurze magische Beschwörung mit ihrem optisch gut sichtbaren Geplätscher.

Ganz arg erwischt es, wie oben schon angedeutet, den armen Banco. Zunächst wird er von einem Chor, dessen Mitglieder sich in nun eifrig geübter Bankräubermanier eine dunkle Wollmütze über das Gesicht ziehen, meuchlings ermordet, was man allerdings nicht sieht. Man sieht den Bedauernswerten dann nur verkehrt aufgehängt über den Köpfen seiner Mörder baumeln. Doch später wird er offenbar, wenn auch abermals unsichtbar, enthauptet, denn Lady Macbeth presst Bancos Haupt unter ihrem Kleid zwischen ihre Schenkel. Da kann sich Jochanaan mit seinem ihm in der Salome zugedachten Los ja geradezu als Glückspilz preisen.

Das Publikum nahm all dies mit dem den Bayern eigenen Humor und ließ sich durch die vom Regisseur versuchten Schockwirkungen nicht aus der Ruhe und um die musikalischen Freuden bringen, über die es schon während der Vorstellung und auch am Schluss heftig jubelte. (Peter Vujica aus München, DER STANDARD/Printausgabe, 04./05.10.2008)

Vorstellungen: 6.,9., 12. und 17. 10.

Link
www.bayerische.staatsoper.de

  • Nikolaus Bachlers Intendanz an der Bayerischen Staatsoper begann mit
drastischen Bildern und starken musikalischen Momenten, für die auch
Željko Luèić (als Macbeth) verantwortlich war.
    foto: hös

    Nikolaus Bachlers Intendanz an der Bayerischen Staatsoper begann mit drastischen Bildern und starken musikalischen Momenten, für die auch Željko Luèić (als Macbeth) verantwortlich war.

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