Krimi: Am Rande des Zusammenbruchs

3. Oktober 2008, 16:32
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Das fängt ja gut an: Annika Bengtzon, die langjährige Heldin aus Liza Marklunds Krimis, wird von ihrem Mann verlassen

In derselben Nacht, als Thomas seinen Koffer packt, zündet jemand ihr Haus an. Annika und ihre beiden Kinder haben kein Dach über dem Kopf und Annika dazu noch Stress im Job. Wieder einmal stehen Personalsparpläne ihres Printmediums an, das kann nur auf Kosten der Qualität gehen, was aber außer dem Chefredakteur allen egal ist. Trotz des privaten und beruflichen Chaos verbeißt sich Annika in die Recherche zu einem merkwürdigen Kriminalfall. Ein hochgelobter Vorzeigepolizist liegt mit bizarren tödlichen Verletzungen in seinem Schlafzimmer. Die Frau des Toten ist derart verstört, dass sie nichts zur Aufklärung des Mordes beitragen kann. Ihr kleiner Sohn ist aus der Wohnung verschwunden, man nimmt an, dass die Ehefrau Mann und Kind umgebracht hat.

Dass der PR-taugliche Strahlemann mit Gangstern im Bunde war, will keiner wissen - und dass er seine Frau jahrelang misshandelt hat, schon gar nicht. Die patriarchale Interpretation ist schnell gefunden: Julia, die ebenfalls Polizistin gewesen ist, war als Frau dem Job nicht gewachsen und ist daher übergeschnappt. Marklunds Subtext ist böse und deutlich. Sie beschreibt die offenen und unterschwelligen Sexismen, die an männliche und weibliche Täter verschiedene Maßstäbe anlegen und die selbst in einer fortschrittlichen Gesellschaft wie in Schweden noch längst nicht vom Tisch sind. (ngeborg Sperl, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 04./05.10.2008)

Liza Marklund, "Lebenslänglich" . Deutsch von Dagmar Lendt und Anne Bubenzer. € 20,50 / 492 Seiten. Kindler, München 2009

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    cover: kindler
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