Ein Mordstrumm-Gebiet - Ernst Molden

3. Oktober 2008, 16:18
2 Postings

Ich war noch nie in den Vereinigten Staaten, aber ich kenne Amerika, denn ich habe mir jahrzehntelang von Lou Reed und von Tom Waits vorsingen lassen

Ich war noch nie in den Vereinigten Staaten. Mein Amerika kracht und jault aus meiner Plattensammlung, es weht aus meinen Büchern, es leuchtet in den Filmen auf, die ich sehe. Aber richtig, dort war ich nie, das hat sich nie ergeben. Obwohl zur Zeit meiner ersten allmählichen Selbstständigkeit, Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger, fast jeder von uns wenigstens einmal nach Amerika fuhr, meist ein paar Tage nach New York, dann ein Auto kaufte oder ausborgte und hineinfuhr ins große Land unterm riesigen Himmel. Bei mir nicht, bis heute. Hat nicht sollen sein. Oder habe ich es verhindert? Den Platten, Büchern, Filmen zuliebe? Zum Wohle meiner eigenen inneren Leinwand?

Ich war noch nie in den Vereinigten Staaten. Aber ich bin über New York drübergeflogen, und ich habe kurz runtergeschaut, wie in die Öffnung einer enormen funkelnden Falle. Das erzähle ich am Schluss.

Ich war noch nie in den Vereinigten Staaten, aber ich habe mein Amerika. Mein Amerika, das ist so kurzatmig, feinfühlig und aufgeregt wie die Grasharfe von Truman Capote, dessen andere Sachen ich auch gelesen habe, aber mit weniger Bildergewinn. Mein Amerika hat als niemals wackelige Fundamente den Tom Sawyer von Mark Twain und On The Road von Jack Kerouac. Ich denke mir, dass ich schon längst in Amerika gewesen wäre, könnte man das Haus von Capotes Tanten, Twains Jackson-Insel oder Kerouacs Bars übergangslos erreichen - diese entlegenen Orte der Literatur (und damit einer wirklicheren Wirklichkeit), ohne dafür fliegen, ankommen, Zwischenstadien überwinden zu müssen. Ich habe die großen Finsternisse Amerikas gesehen, bei Poe und H. P. Lovecraft (die haben sich von den ebenfalls erfahrenen Dunkelheiten von Trakl und Kubin schon unterschieden). Wie ein Abonnent lese ich Stephen King und verehre ihn, und ebenso hab ich alles von Paul Bowles gelesen. Aber ich bin niemals nach Kings Salem's Lot aufgebrochen, in das Marokko von Paul Bowles schon.

Ich war noch nie in den Vereinigten Staaten, aber ich kenne Amerika, denn ich habe mir jahrzehntelang von Lou Reed über seine Ostküste und von Tom Waits über seine Westküste vorsingen lassen. Robert Johnson, Dr. John und Stevie Ray Vaughan haben mir den Süden erklärt, und aus den Stimmen von Dylan und Cash weht der Heilige Geist, der alle Richtungen des amerikanischen Himmels verbindet. Ich reise laufend in mein Amerika, indem ich Platten von Howe Gelb, Will Oldham oder Sixteen Horsepower auflege. Howe Gelb, Will Oldham, Sixteen Horsepower habe ich auch gesehen, als sie uns hier besuchten. Das Sixteen Horsepower Konzert im Wiener WUK war vielleicht das beste Konzert meines Lebens. Als David Eugene Edwards hinter seiner vermodernden Archtop-Gitarre damals seine Besessenheit in dröhnenden, gottesfürchtigen Appalachen-Refrains auf uns alle draufwarf, ging wieder einmal so ein neuer Ruck von Amerika-Verständnis durch mich hindurch, aber wieder war es ein Ruck zwar der Sehnsucht, aber auch einer, der sich ein tatsächliches Hinfahren verbat.

Und Oldham, Gelb, Edwards, diese Großmeister der von mir verehrten Musik, schienen sie hier in Europa nicht auch über das Maß glücklich, befreit, beseelt zu sein? So als würde vielmehr Europa sie tragen, freundschaftlich weiterschubsen, weitaus mehr, als das mir unbekannte Land, aus dem sie kamen, aus dem sie ihre Mythen gesogen hatten.

Sumpfig und dampfend

Ich war noch nie in den Vereinigten Staaten, aber lügen alle jene Filme, die ich so liebe und bis zur Dekonstruktion der alten VHS-Kassetten immer wieder sehe? Peckinpahs Pat Garrett & Billy The Kid, The Big Lebowski, aber auch Barton Fink und Oh Brother, Where Art Thou? von den Coens, Jarmuschs Down By Law? Sollten sie lügen, dann will ich erst recht nicht hin, oder doch? Stellen Sie sich also meine inneren USA wie folgt vor: Ein Mordstrumm-Gebiet mit allen Landschaften, die mir auch hier wichtig sind, die aber hier immer so begrenzt sind und dort scheinbar endlos: sumpfig, dampfend und von den Stimmen von Ochsenfröschen, Nachtschwalben und Myriaden Insekten erfüllt im Süden. Staubig, stürmisch und doch lichtdurchflutet im Westen. In der Mitte dieser großen Ebenen große Städten voll reinem, rostigem Rock'n'Roll. Überall, wo Menschen sind, finden sich diese von Stephen King stets so schön versammelten kleinsten gemeinsamen Nenner der amerikanischen Zivilisation: Tankstellen, Kinos, Supermärkte, Burger-Restaurants. Und durch dieses Land streifen die Bluegrass-Prediger, die Outlaws und die Cool-Jazz-Atheisten von New York. Und die anderen Amerikaner, die ich so kenne.

Ich war noch nie in den Vereinigten Staaten, aber ich kenne einen Schüppel Amerikaner. Die mutigen von ihnen nämlich, die, die es hier probiert haben. Ich habe meine erste WG mit einem unglücklichen, erfolglosen, heterosexuellen Dichter aus Ohio geteilt, ein Herz von einem Menschen, der sich in Wien befreite, als er hier zum frohen, erfolgreichen, homosexuellen Weinkritiker wurde. Ich habe in meiner ersten Band mit einem Bassisten aus Massachusetts gespielt, der Boston deswegen verlassen hatte, weil David Bowie seinen jahrelangen besten Freund und Bandgenossen Reeves Gabrels engagierte, ihn selbst aber nicht. Mein Bassist arbeitete jahrelang außer mit mir im stillen Kämmerlein an verstiegenem Psycho-Pop, um schließlich zu seinen Eltern nach Florida zu gehen und dort Swimmingpools zu reinigen. Ich verstand, dass ein Unterschied besteht in dem, was in Biografien möglich sein kann, hier und dort. Aus meiner heutigen, ohne tieferen Grund rein inländisch besetzten Band wird mir David Bowie niemand wegengagieren, es wird aber auch niemand anfangen, Pools zu putzen.

Und schließlich ist da noch die Geschichte mit Johnny Curtis Kilmer. Ich war nämlich noch nie in den Vereinigten Staaten, aber ich war in Amerika, zwei mehrmonatige Reisen lang, in Amerikas Zentrum, in Honduras und El Salvador, in Guatemala und Mexiko. In Mexiko, genauer: in Oaxaca de Juárez traf ich Johnny Curtis Kilmer. Ich hatte auch gerade begonnen, mich auf einen irgendwann darauf folgenden USA-Aufenthalt einzustellen, weil mir die ausgedienten US-Schulbusse, die jetzt hier Liniendienst versahen, so sympathisch waren, und die meisten Gringos, die man traf, lässig und interessant.

Johnny Curtis Kilmer war ihr König. Lange rote Haare, Bart und Nine-Inch-Nails-Leiberl. Er sagte, mein Bruder und ich sollten ihm ein bisschen Geld borgen, so könne er Chilis, Salz und Marihuana kaufen, und dann würde er uns auf seine Farm einladen, nicht weit weg, im Tal von San Juan, kurz bevor der Pan American Highway in den Chiapas abbiegt.

Wir borgten ihm das Geld und blieben zwei Wochen bei Johnny, der sich tatsächlich als Val Kilmers Cousin herausstellte, und ich lernte aus seiner Geschichte so viel über Amerika wie aus allen meinen Romanen. Johnny war Staff Sergeant in ersten Golfkrieg, bei der Befreiung Kuwaits, gewesen, er war in diesen Giftnebel geraten, der sich über Saddams zerschossenen Fabriken erhob. Anschließend bekam er das "Gulf War syndrome" , jene so wandelbare Krebserkrankung, die sich in seinem Fall auf den Magen schlug. Nachdem er beobachtet hatte, was in den Armeekliniken mit seinen Veteranenkollegen passierte, ließ er sich seine Abfindung auszahlen, kaufte einem Lastwagenfahrer dessen kleine Farm bei San Juan ab und beschloss, seinen Krebs entweder mit mexikanischen Chilis auszuheilen oder wenigstens an der mexikanischen Sonne zu sterben.

Johnny pflegte die von den Monstertrucks angefahrenen Köter von San Juan wieder gesund, und er soff mit den Mariachis, die in der Sierra tagsüber in die Busse steigen, um dort zwei Lieder zu singen, ein lustiges, ein trauriges. Mir sagte Johnny: Der amerikanische Traum ist ein Irrtum. Aber er ist zu schön, als dass man je ganz aufhören kann, an ihn zu glauben. Nach diesen zwei Wochen habe ich Johnny Curtis Kilmer niemals wiedergesehen. Ich habe auch nie erfahren, ob die Chilis den Krieg in seinem Bauch gewonnen haben.

Ich war noch nie in den Vereinigten Staaten, aber ich bin über New York geflogen. Auf dem Rückflug von dieser langen Reise, auf dem Weg von Mexiko-Stadt zum Nordatlantik. Der Kapitän der Maschine machte uns mitten in der Nacht darauf aufmerksam, und ich schaute aus dem Fenster. Ich sah diese größte Schar an Lichtern, die es gibt, ich ahnte das Relief der riesigen Stadt aus dem Lichterteppich, der über ihr lag, hörte plötzlich alle dazugehörige Musik auf einmal. Ich spürte die Versuchung, aber auch die Falle.

Zuhause packte ich aus und biss in einen getrockneten südmexikanischen Chili, einer Immunisierung wegen, von der man sehen wird, wie lang sie hält. (Ernst Molden, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 04./05.10.2008)

Zur Person
Ernst Molden, geb. 1967, arbeitet seit 1993 als Musiker und Schriftsteller. Zuletzt erschienen von ihm Christbaum kaufen, baden gehen (2003) und der Essayband Wien, Hinweise zum Umgang mit einer alten Seele. (2004). In diesem Jahr kam seine Doppel-CD WIEN & FOAN (bei Hoanzl) auf den Markt. Molden lebt mit seiner Familie in Wien.

  • Stellen Sie sich meine inneren USA wie folgt vor: Ein Mordstrumm-Gebiet
mit allen Landschaften, die mir auch hier wichtig sind, die aber hier
immer so begrenzt sind und dort scheinbar endlos.
    grafik: der standard

    Stellen Sie sich meine inneren USA wie folgt vor: Ein Mordstrumm-Gebiet mit allen Landschaften, die mir auch hier wichtig sind, die aber hier immer so begrenzt sind und dort scheinbar endlos.

Share if you care.