Alles ein einziger Aufschub

2. Oktober 2008, 19:44
posten

Zurückhaltendes Kinodebüt: "Lake Tahoe" vom Mexikaner Fernando Eimbcke

"Wir brauchen mehr emotionalen Inhalt. Weniger Zorn." Der jugendliche Bruce-Lee-Fan und Automechaniker, der diese Dialogzeile in Fernando Eimbckes Lake Tahoe zum Besten gibt, ist nur eine Nebenfigur, deren dramaturgischer Zweck vor allem darin besteht, die Suche des eigentlichen Helden noch etwas hinauszuzögern. So wie eigentlich alles, was dem jungen Mann, der das Auto seiner Mutter gegen einen Masten gefahren hat, im Laufe dieses langen Tages widerfährt, ein einziger Aufschub vor dem Heimkommen ist.

Aber man darf in dieser Sentenz - weniger Zorn - das heimliche Credo des Films vermuten. Denn Eimbckes Film will so gar nicht den Klischees jenes mexikanischen Kinos entsprechen, das man sich meist nach dem Erfolgsmuster von Amores Perros vorstellt: als ein Kino der Drastik und der hyperrasanten Montage.

Eher folgen Eimbckes Bilder der zurückhaltenden Ästhetik, die man aus der Berliner Schule oder aus dem Kino von Jim Jarmusch kennt: die Helligkeit des Lichts. Der Wind in den Bäumen. Unbewegte Kameraeinstellungen, die dem Geschehen und dem Blick Raum geben. Schwarzblenden rhythmisieren den Erzählfluss. Und wo in Amores Perros ein Autounfall alle Handlungsstränge miteinander verknüpfte, wird der einzige Crash hier nur auf der Tonspur berichtet.

Wie ausgestorben wirken die Straßen, über allem liegt die Trägheit eines flirrenden Nachmittages. Die meisten der Reparaturwerkstätten, die der 16-jährige Juan (Diego Cataño) auf der Suche nach Ersatzteilen abklappert, sind geschlossen. Was eine einfache technische Herausforderung zu sein scheint, wird zum Auslöser einer Reihe absurder Begegnungen. Etwa mit dem alten Don Heber, der erst mal vor Anstrengung in der Hängematte einschläft. Oder mit dem jungen Punk-Mädchen, das ein Ersatzteillager hütet, aber von jeglichen Autodingen nicht die geringste Ahnung hat.

Für einen kurzen Moment scheint die Möglichkeit auf, dass Juan mit ihr eine neue, eigene Familie gründet, seinem Zuhause den Rücken kehrt. Aber Juan wird begreifen, dass dort sein Platz ist. Wieder ist es der Bruce-Lee-Adept, der die entscheidenden Worte findet: "Es ist unmöglich, solange du denkst, es sei unmöglich."

Ein Film, der von der Schwierigkeit des Loslassens redet, zuerst nur in Andeutungen, bis man plötzlich bemerkt, dass man sich schon die ganze Zeit über mitten in der Trauer befunden hat, und beginnt, das Geschehene retrospektiv mit anderen Augen zu sehen. Autos werden in Werkstätten geflickt, die "Renacimiento" , Wiedergeburt, heißen. Die Wunden, die der Tod des Vaters hinterlässt, brauchen länger zum Heilen. (Dietmar Kammerer / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.10.2008)

26.10., Gartenbau, 18.00; Wh.: 29.10., Künstlerhaus, 23.30

  • Auch in dieser mexikanischen Produktion darf ein Hund nicht fehlen – trotzdem gehen "Lake Tahoe"  und sein Held eigene Wege.
    foto: viennale

    Auch in dieser mexikanischen Produktion darf ein Hund nicht fehlen – trotzdem gehen "Lake Tahoe"  und sein Held eigene Wege.

Share if you care.