"Wir haben noch keine Lösung"

2. Oktober 2008, 19:04
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Komplexe Probleme brauchen komplexe Lösungen, weshalb Nobelpreisträger Eric Maskin im STANDARD-Interview vor Schnellschüssen zur Bekämpfung der Finanzkrise warnt

Standard: Ist der aktuelle Rettungsplan von Henry Paulson nötig, um die US-Wirtschaft vor einer schweren Krise zu bewahren?

Maskin: Ich halte es für wichtig, dass es einen größeren Rettungsplan gibt. Das ist ein wichtiges Signal. Die Finanzmärkte sind stark vernetzt. Der Zusammenbruch einer Bank hat für viele andere Banken üble Folgen. Ich habe aber Zweifel an einigen Details des Plans.

Standard: Was haben Sie denn an dem Rettungspaket auszusetzen?

Maskin: Der jetzige Plan möchte die "giftigen" Wertpapiere von den Bankbilanzen nehmen. Das Entscheidende ist allerdings der Preis, zu dem das geschieht. Aber noch weiß keiner, wie der Preis für die Papiere festgesetzt wird.

Standard: Wie viel soll das Finanzministerium denn zahlen?

Maskin: Die Steuerzahler wollen wenig zahlen, um nach dem Ende der Finanzkrise die Papiere mit einem Gewinn wieder verkaufen zu können. Aber der Preis muss hoch genug sein, um die Banken mit dem nötigen Kapital zu versorgen.

Standard: Aber die komplexen Hypothekarprodukte haben derzeit keinen Wert. Soll der Finanzminister einen Blankoscheck ausstellen?

Maskin: Nein, der Minister muss alles tun, um möglichst angemessene Preise zu zahlen. Das Schatzamt könnte die Papiere in Qualitätskategorien unterteilen und in jeder Kategorie "verkehrte" Auktionen starten. Dabei bieten die Verkäufer gegeneinander. Die Banken bieten also beim Staat um die Preise, um die sie ihre giftigen Papiere los werden. Der Staat kauft dann die günstigsten Papiere auf. Das führt zu Wettbewerb zwischen den Banken. Das Problem ist, wie der Staat die Kategorien auswählt. Wenn die Papiere in einer Kategorie zu unterschiedlich sind, bleibt die Regierung am Ende auf den schlechtesten sitzen.

Standard: Nobelpreisträger Joseph Stiglitz hat vorgeschlagen, dass das Finanzministerium Vorzugsaktien kauft und die Banken verstaatlicht.

Maskin: Aber welche Banken? Und wie hoch soll der Anteil des Staates sein? Was macht die Regierung, wenn die Bank pleite geht und damit das gesamte Aktieninvestment wertlos ist? Es gibt so viele Probleme, für die es leider noch nicht die ideale Lösung gibt. Deshalb bin ich für einen flexiblen Plan, der viel Spielraum lässt. Denn die Ereignisse, die noch kommen werden, werden uns den Weg erst weisen. Wir kennen den richtigen Mechanismus noch nicht.

Standard: Waren die Kapitalmärkte zu wenig reguliert?

Maskin: Die jetzige Situation zeigt, dass eine Über-Liberalisierung genauso schlecht ist wie eine Über-Regulierung. Man muss eine Balance dazwischen finden. Mindeststandards bei Krediten widersprechen zwar dem Gedanken des freien Marktes, machen aber Sinn.

Standard: Müssten diese Standards weltweit gelten? Schließlich haben auch viele europäische Banken mit diesen Krediten gehandelt.

Maskin: Europäische Banken sind aber viel stärker reguliert als ihre US-Pendants. Es muss einen Kompromiss geben zwischen der Regulierung in Europa und dem Fehlen jeder Regeln in Bereichen wie dem Investmentbanking in den USA. Eine internationale Koordination wäre großartig. So wie die Notenbanken zusammen Liquidität zur Verfügung stellen, wäre auch eine gemeinsame Regulierung der Finanzmärkte wünschenswert. (Andreas Schnauder, Lukas Sustala, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.10.2008)

 

ZUR PERSON: Eric Maskin (58) erhielt 2007 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften für seine Arbeit zu "Mechanism Design" (siehe Wissen). Er ist Professor für Sozialwissenschaften am Institute for Advanced Study in Princeton.

  • Eric Maskin
    foto: standard/urban

    Eric Maskin

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