"James Bond löst seine Fälle meistens selbst"

2. Oktober 2008, 19:08
1 Posting

Ungarns Geheimdienstminister György Szilvásy schildert im STANDARD-Interview den Stand der Ermittlungen

 Mit dem Vorwurf, eine ungarische Firma habe einen Privatgeheimdienst betrieben, löste Ungarns Geheimdienstminister György Szilvásy eine Politlawine aus. Den Stand der Ermittlungen schilderte er András Szigetvari.

***

STANDARD: Die ungarische Polizei ermittelt gegen die Sicherheitsfirma "UD". Der Vorwurf: Das Unternehmen soll Ministerien und Behörden ausspioniert haben. Welche Interessen verfolgte die Firma?

Szilvásy: Die Firma soll sich in verschiedene Staatsapparate eingeschleust haben, um an heikle Informationen heranzukommen. Also angefangen von der Polizei bis hin zu den Geheimdiensten, den Steuer-, und Zollbehörden, der Sozialversicherung. Das Ganze diente dazu, ein Netzwerk zu schaffen, um an bestimmte, nicht öffentliche Informationen heranzukommen. Der Verdacht gründet sich auf abgehörte Telefonate. Im Wesentlichen diente das Ganze - so der Vorwurf - zur Befriedigung von Geschäftsinteressen.

STANDARD: Die Firma hat also Mitarbeiter in die Behörden eingeschleust?

Szilvásy: Oder sie saßen den Annahmen bereits in den Ministerien. Auf jeden Fall kamen sie durch physische Kontakte an die Infos. Deswegen sagen wir auch, dass das ein polypenartiges Gebilde war. Daneben besteht auch der Verdacht, dass das Unternehmen über Mailserver auf die E-Mails einzelner Staatsbürger zugegriffen hat.

STANDARD: Wie ist der Stand der Ermittlungen?

Szilvásy: Die Behörde für Nationale Sicherheit (ein ungarischer Geheimdienst, der selbst ausspioniert worden sein soll, Anm.) hat nach ihren eigenen Erhebungen am 10. September Anzeige bei der Polizei erstattet. Im Moment laufen die polizeilichen Ermittlungen. Ergebnisse gibt es noch keine.

STANDARD: Zeitungen schreiben von der schwersten Krise seit der Wende. Wie sehen Sie das?

Szilvásy: Die Angelegenheit gefährdet demokratische Grundwerte. Dieses Vorgehen ist aber nicht typisch für Firmen, die auf dem Sicherheitssektor tätig sind. Seit der Wende wurde so ein Fall noch nicht ans Tageslicht gebracht.

STANDARD: Sie beschuldigen auch die Fidesz, die größte Oppositionspartei, ein Kunde der Firma gewesen zu sein, haben dafür aber kaum Beweise vorgelegt.

Szilvásy: Es gibt Beweise. Es steht fest, dass die Fidesz-Führer Verbindungen mit der Firma hatten und ihnen Aufträge erteilt haben. Die Tonbänder von abgehörten Telefonaten zeigen doch, dass es zwischen einzelnen Fidesz-Leuten und den Chefs des Unternehmens Verbindungen gegeben hat.

STANDARD: Auf den Bändern erkundigt sich ein Fidesz-Politiker bei "UD" über die Reisetätigkeit eines ungarischen Geheimdienstchefs. Das klingt noch nicht nach einem Schattengeheimdienst.

Szilvásy: Fragen Sie die Experten in Österreich: Das ist ernst. Die Kontakte des Geheimdienstchefs sind Staatsgeheimnis.

STANDARD: Erinnert Sie die Affäre auch an einen James-Bond-Film?

Szilvásy: Wenn Sie meinen, dass eine Privatfirma im Zentrum der Affäre steht, könnten wir diesen Vergleich ziehen. Aber nun kümmert sich die Polizei um die Affäre, und nicht der Geheimdienst. James Bond dagegen löst seine Fälle meistens selbst. (DER STANDARD, Printausgabe, 3.10.2008)

  • Artikelbild
Share if you care.