Eine Treppe aus der Grube: "Mafrouza – Oh la nuit!"

2. Oktober 2008, 18:53
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Die französische Filmemacherin Emmanuelle Demoris hat sich in einem Armenviertel in Alexandria umgesehen

... und begleitet den mühseligen Alltag und die Feste der Bewohner.

Wie eine große Metapher auf die Vergänglichkeit könnte der zweieinhalbstündige Dokumentarfilm Mafrouza - Oh la nuit! von Emmanuelle Demoris erscheinen. Sie hat in einem Viertel der ägyptischen Hafenstadt Alexandria gedreht, das ursprünglich eines der größten Gräberfelder der Antike war. Inzwischen haben sich dort zahlreiche arme Menschen angesiedelt. Sie versuchen sich in der Abbruchlandschaft, die einige Meter unterhalb des Straßenniveaus liegt, wohnlich einzurichten.

Manche müssen dafür täglich unzählige Eimer brackigen Wassers ins Freie schleppen, und mit diesen konkreten Beobachtungen verliert Mafrouza alles Metaphorische. Alexandria, eine moderne Metropole in einem konservativen Land, ist hier auf ein Elendsquartier reduziert. Der Film beschränkt sich auf den Horizont dieser Welt, die ganz buchstäblich von erniedrigten Menschen bewohnt wird. Sechs, sieben Stockwerke sollen die Gebäude einmal haben, von denen die Menschen träumen; ihre Gegenwart ist die einer Grube. Vorerst müssen sie es zufrieden sein, wenn sie mit ein paar zusammengesuchten Ziegeln eine Treppe bauen können.

In einer langen Szene beobachtet Emmanuelle Demoris zwei Frauen, die selbst Bäckerinnen sind, aber über keine Bäckerei verfügen. Sie haben zwischen den höhlenartigen Räumen einen Backofen improvisiert, nun müssen sie hoffen, dass es nicht zu regnen beginnt, denn sie müssen den Teig im Freien aufgehen lassen.

Kehrseite der Idealisierung

In langen Musikeinlagen, die es in Mafrouza zum Beispiel anlässlich einer Hochzeit gibt, improvisieren junge Männer zu Trommeln ihre Wechselgesänge. Ihr "freestyling" ist anzüglich, selbstironisch und immer wieder in einer Weise misogyn, die wie die Kehrseite der Idealisierung wirkt, die Frauen gleichermaßen widerfährt. Liebe erscheint als Idee aus einer anderen Welt, Frauen wie Fantasiewesen, die sich bei konkretem Kontakt in Bedienstete verwandeln.

So erfährt man in dem Film auch sehr viel über die alltägliche Kultur der Geschlechter, die ja immer wieder in den Mittelpunkt der Debatten über den Islam gerückt wird. Demoris spricht selbst nicht Arabisch, sie hat allein gedreht und nur mit einer Übersetzerin gearbeitet. Die Probleme der Darstellung lassen sie von den Auftretenden selbst formulieren: Wird das Bild der Armut nicht den Respekt für Ägypten im Ausland beschädigen? Diese Frage einer Frau wird vom Lebensmittelhändler, der zugleich Imam ist, konkretisiert: "Wird dieser Film eine Hilfe sein? Und für wen?" So rührt Mafrouza immer wieder sehr unmittelbar an Fragen des dokumentarischen Ethos.
(Bert Rebhandl / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.10.2008)

24.10., Stadtkino, 13.00;Wh.:26.10., Urania, 16.00

  • Umsichtige dokumentarische Beobachtungen:Das ausgelassene "freestyling"  junger Männer in den engen Straßen des Viertels verrät auch einiges über das Verhältnis der Geschlechter.
    foto: viennale

    Umsichtige dokumentarische Beobachtungen:Das ausgelassene "freestyling"  junger Männer in den engen Straßen des Viertels verrät auch einiges über das Verhältnis der Geschlechter.

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