Gut geölter Wohlstand und das "System Alaska"

2. Oktober 2008, 18:21
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Immer mehr Details über Alaskas politische Sitten werden bekannt: den Republikanern droht neues Ungemach

Das Leben ist hart so hoch oben im Norden. Das musste Frank Murkowski im August 2006 erkennen. Damals stach Sarah Palin den Gouverneur von Alaska bei den republikanischen Primaries aus, wenige Monate später übernahm sie die politischen Geschäfte in Juneau, der Hauptstadt von Alaska.

Murkowski hatte Palin zuvor nach Kräften gefördert. Er verschaffte ihr nach ihrem Ausscheiden als Bürgermeisterin der Kleinstadt Wasilla einen gut dotierten Job in der mächtigen Öl- und Gasverwaltung des Bundesstaates, überlegte zuvor eine Zeitlang sogar, dass sie ihm auf seinem Sitz im US-Senat nachfolgen könnte, als er sich 2002 für das Gouverneursamt in Alaska bewarb. Murkowski entschied sich dann doch für seine eigene Tochter Lisa. Palin setzte danach alles daran, sich auf Kosten des "Systems Alaska", mit dem sie selbst doch so eng verwoben war, zu profilieren.

Zu diesem System gehören die Murkowkis ebenso wie Ted Stevens, der längstdienende republikanische Senator im US-Kongress. Seit 1968 vertritt er Alaska dort. In diesen 40 Jahren hat er eine unbestrittene Meisterschaft darin entwickelt, wie denn Bundesgeld für seinen eigentlich doch im gut geölten Wohlstand lebenden Bundesstaat aufzustellen sei. Traditionell steht Alaska an erster Stelle der Zielhäfen für Geldflüsse, die aus Washington kommen. 2005 bekam der Bundesstaat 13.950 Dollar an Fördermitteln pro Einwohner, an Steuern allerdings flossen nur knapp 5500 Dollar pro Einwohner zurück in das Bundesbudget in Washington.

Für seine Fähigkeit, Steuerdollar zu beschaffen, wurde Stevens der Ehrentitel "Alaskaner des 20. Jahrhunderts" zuteil, die Finanzmittel nennt man respektvoll "Stevens Money". Verteilt werden die Dollar in einem Dickicht aus Interessen der Ölfirmen, lokaler Baugrößen und der Politiker, in dem Korruption und Vetternwirtschaft blüht. In Alaska, dem kleinen Staat, in dem jeder jeden kennt, musste auch jeder etwas von dem großen Geldsegen haben.

Mit Bundesgeld finanzierte Projekte mussten dabei manchmal - siehe Artikel unten - auch gar keinen Sinn machen. Für die "Brücke ins Nichts" machte "Uncle Ted", wie der Senator in Alaska gern gerufen wird, selbstredend Stimmung wie auch Palin selbst, solange ihr das politisch nützte.

Mit ihrer überraschenden Nominierung zur republikanischen Vizepräsidentschaftskandidatin allerdings begann sich auch eine breitere Öffentlichkeit für die Verhältnisse in Alaska zu interessieren - unter anderem dafür, wie die Bohrlizenzen im Sperrgebiet der nationalen Ölreserve erteilt wurden, wie Palin gegen einen missliebigen Polizeichef vorging (eine gerichtliche Untersuchung läuft) oder ob nun Senator Stevens die Renovierung seines Hauses selbst bezahlt hat oder ob eine Ölfirma die Kosten übernahm. Im letzten Fall läuft derzeit ein Prozess wegen Bestechung und Geschenkannahme in Höhe von 250.000 Dollar.

Beide Verfahren sollen noch vor dem Wahltermin am 4. November abgeschlossen sein. In Palins Fall könnte die Staatsanwaltschaft wenige Tage vor der Wahl entscheiden, ob Anklage erhoben wird und die Wahlen somit entscheidend beeinflussen. (Christoph Prantner/DER STANDARD, Printausgabe, 3.10.2008)

  • Infografik: Fokus ALaska - Wildnis, Öl und Vetternwirtschaft (GIF, 1.000 Pixel breit, 165 KB)

    Infografik: Fokus ALaska - Wildnis, Öl und Vetternwirtschaft (GIF, 1.000 Pixel breit, 165 KB)

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    Idylle am See. So wohnt Sarah Palin.

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