Rückwärtsbewegung mit Weitblick: "Les Plages d’Agnès"

2. Oktober 2008, 18:14
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Die französische Regisseurin Agnès Varda erinnert sich an die Strände ihres Lebens

Ein Palmenzweig, ein Bär, ein Markuslöwe und ein gutes Dutzend andere bronzene, silberne oder goldene Statuen stehen am Strand in einer langen Reihe. Die Kamera fährt an ihnen entlang; klein sind sie und nicht besonders schön. In der Ansammlung wirken sie wie Trophäen aus einer vergangenen Zeit, so, als hätte jemand sein Haus ausgemistet und die überflüssigen Dinge vor die Tür gestellt. Als eine Welle die Statuen umspült, stört sich niemand daran.

Diese Szene findet sich in Agnès Vardas autobiografischem Essay Les Plages d'Agnès. Die Strände, sagt die 1928 geborene Filmemacherin, sind immer da, sie bestehen unabhängig vom Vergehen der Zeit. Die Preise der Filmfestivals hingegen, das macht die Szene deutlich, sind vergänglich; eine Welle reicht, und sie versinken. Es ist nicht leicht zusagen, ob Bescheidenheit am Werke ist, Koketterie oder gut getarnte Eitelkeit, wenn Varda mit ihren Erfolgen als Regisseurin so nonchalant umgeht. In ihrer filmischen Autobiografie jedenfalls denkt sie vor allem an die Strände und Küsten zurück, die ihr Leben geprägt haben.

Das sind zunächst die weiten Strände der belgischen Küste, wo die Familie Varda bis 1940 die Sommerfrische verbrachte, dann der Hafen der südfranzösischen Stadt Sète, wo die Vardas nach ihrer Flucht aus Brüssel auf einem Boot unterkamen, das ist Venice Beach, den Varda ins Herz schloss, als sie an der Seite ihres Ehemannes Jacques Demy in Los Angeles lebte, schließlich sind es die Strände der Insel Noirmoutier, wo sie sich ein Refugium schufen.

Immer wieder sieht man in Les Plages d'Agnès die Regisseurin, wie sie, auf einer Seebrücke, an einem Strand, rückwärts geht - zurück in der Zeit, im Versuch, festzuhalten, was vergangen ist. Manchmal lässt sie Kindheits- und andere Erinnerungen nachstellen. "An jedem zweiten Tag ging einer von uns über Bord" , erläutert sie aus dem Off, während Kinder in altertümlichen Schwimmwesten auf einem Boot in Sète herumtollen und ins Hafenbecken plumpsen - ein Reenactment der eigenen Vita.

Aufbruchstimmung

Erinnerungen an den ersten Film, La Pointe courte (1954), an die frühen Tage der Nouvelle Vague und an die Aufbruchstimmung der Sechzigerjahre in den USA gesellen sich hinzu, gesäumt von den charmanten Kommentaren der Regisseurin. Varda begleitet die Black Panther mit der Kamera, ohne dass das politische Interesse dasjenige an Pop überstrahlte - in Lion's Love zum Beispiel (1969) schaut sie einer nackten Viva beim Müßiggang zu. Von der Ehe zu Jacques Demy ist nicht nur in idealisierenden Tönen die Rede; Varda erwähnt eine Phase der Trennung und lüftet ein Geheimnis: Demy starb 1990 an den Folgen von Aids.

Besonders beeindruckend gerät die Collage aus Film und Leben, wenn die Regisseurin auf ihr feministisches Engagement zu sprechen kommt. Archivbilder demonstrierender Frauen auf den Straßen von Paris sind zu sehen, es geht um Abtreibung und sexuelle Selbstbestimmung, dazu gesellen sich Ausschnitte aus Sans toit ni loi (Vogelfrei, 1985). Der Zorn der Demonstrantinnen findet einen Nachhall in der Wut der jungen Landstreicherin, der die Unabhängigkeit wichtiger ist als das Leben. (Cristina Nord / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.10.2008)

28.10., Stadtkino, 20.30; Wh.: 29.10., Urania, 14.30

  • Die Filmemacherin im Segelbötchen: Agnès Varda unternimmt ihre Streifzüge in die Vergangenheit zu Wasser und zu Land.
    foto: viennale

    Die Filmemacherin im Segelbötchen: Agnès Varda unternimmt ihre Streifzüge in die Vergangenheit zu Wasser und zu Land.

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