Ein Künstler, der Nachbilder schafft: Werner Schroeter

2. Oktober 2008, 17:42
posten

Die Viennale stellt dieses Jahr in Auszügen das ungewöhnliche Werk des deutschen Film- und Theatermachers vor: ein fast mythisches Kino der Körper und Gesten – und über allem die Musik

Der Nullpunkt des deutschen Kinos dauerte fast zwanzig Jahre, von 1945 bis in die 1960er. Es gab vereinzelte Werke, die diesen Nullpunkt markierten: Unter den Brücken von Helmut Käutner oder Der Verlorene von Peter Lorre. Aber erst mit den ersten Filmen von Alexander Kluge und Rainer Werner Fassbinder entstand eine Kräftefeld, das auf die Genres von Hollywood wie auf die anderen Künste hin offen war und dem Kino zahlreiche neue Möglichkeiten jenseits der unterhaltsamen Beschwichtigung schlechten Gewissens bot.

Werner Schroeter, der seine ersten Filme auf 8-mm-Material vor 1968 drehte, ist Jahrgang 1945. Die Latenzzeit des deutschen Kinos ist zugleich die Geschichte seiner Jugend - umso rätselhafter ist, wo in der angeblich so spießigen Kultur der Adenauer-Bundesrepublik die Quellen für das ungewöhnliche Werk von Schroeter liegen.

Er behilft sich mit einem Zeitsprung. Bevor noch das Stichwort von der Vergangenheitsbewältigung allgegenwärtig wird, fährt er mit der Kamera nach Verona und Venedig und in das Tessin, er öffnet damit seine geistige Welt auf das Romanische und auf das 19. Jahrhundert und findet schließlich in Maria Callas ein frühes Idol und eigentlich schon sein künstlerisches Prinzip. Werner Schroeter ist ein Film- und Theaterkünstler, der Nachbilder schafft - Bilder nach der Geschichte, nach der Musik, nach der Mythologie, nach dem Gesamtkunstwerk.

Easy Listening, große Gesten

Neurasia, die früheste Arbeit im Tribute, stammt aus dem Jahr 1968 und zeigt vier Darsteller in einem weitgehend leeren, theatralischen Raum. Sie bewegen sich frei, beschwören dabei aber das ganze abendländische Gestenrepertoire herauf: Ritus, Liturgie, Tanz, Theater, dazu läuft die Easy-Listening-Musik von Percy Sledge. Was hier noch stark an die Idee der Performance gebunden ist, wird in dem aus dem gleichen Zeitraum stammenden Argila schon stärker medial gefasst: Zwei 16-mm-Filme erscheinen als Doppelprojektion, einmal in Schwarz-Weiß, einmal in Farbe, darin wieder ein Quartett aus drei Frauen und einem Mann, Musik nun von Caterina Valente: "Ich denk an dich und an dein Schattenbild, das sich in goldne Schatten hüllt."

Was Schroeter hier den anderen Ästhetizisten des deutschen Kinos der Epoche, Kluge und Syberberg, schon voraushat, ist die Wiederentdeckung der Körper. Mit Stars wie Carla Aulaulu oder Magdalena Montezuma kommt ein Element ins Spiel, das auf eine interessante Weise mit dem Deklamationsmaterialismus von Danièle Huillet und Jean-Marie Straub korrespondiert. Schroeters Eika Katappa, der beinahe vergessen schien und nach allen Darstellungen in der Literatur eines der größten Versprechen dieses Tributes darstellt, sucht auf vergleichbare Weise nach einer gegenwärtigen Antike wie die Straubs. Während bei diesen aber alles nach der Klarheit einer sicheren Verbindung zwischen Bild und Ton, zwischen Welt und Geist strebt, zieht es Schroeter in die Offenheit des Allegorischen: Er entwickelt Zeichenwelten, Collagen, Wunderwerke, und über allem ist immer die Musik.

Die größte Überraschung ist, dass er sich in dieser Privatmythologie nicht gemütlich einrichtet und esoterisch wird, sondern dass er von hier aus in die Gegenwart zurückkehrt. Die Stadt Neapel, die neorealistische Urszene der Jahre 1943-1945, bildet für ihn den Ausgangspunkt: In Regno di Napoli (Neapolitanische Geschwister, 1978) erzählt er die Geschichte zweier Kinder der Hafenstadt als Sinngeschichte der europäischen Nachkriegsordnung. Vittoria fällt an das klerikale Regime zurück, sie wird zur Vasallin der Democrazia Christiana. Ihr Bruder möchte schon als Halbwüchsiger lieber Arbeiter als Schüler sein, er geht die Wege und Irrwege der Linken.

Zurück in die Gegenwart

Regno di Napoli ist dabei ein typischer Schroeter-Film, inszeniert eher in der Form von Tableaus als mit großem Aufwand die Epoche rekonstruierend. In dem darauffolgenden Palermo oder Wolfsburg, in dem ein sizilianischer Mann als Gastarbeiter nach Deutschland kommt, konnte er seiner Konzentration auf bestimmte Formen der Authentizität noch genauer entsprechen: Der Dialekt von Nicola ist wichtigster Ausdruck einer Volkskultur, die hier eigentlich auf dem Spiel steht. Sie bringt ihre eigene "Opferung" in die Form eines Laienpassionsspiel, das Schroeter zwischendurch zeigt.

Deutschland ist "ein Land, in dem es kein Licht gibt, keine Liebe, nur Arbeit" . Das Kino von Werner Schroeter ist ein elaborierter Gegenbeweis - geschaffen aus einer Position des (mindestens inneren) Exils. Der Viennale-Tribute ist eigentlich zu klein dafür - es fehlen so entscheidende Arbeiten wie Der Bomberpilot oder Der Tod der Maria Malibran. Umso wichtiger ist es, die gebotene Chance zu nützen und den "größten marginalen Filmemacher Deutschlands" (Thomas Elsaesser) kennenzulernen. (Bert Rebhandl / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.10.2008)

 

  • Ein Hang zur Offenheit des Allegorischen: der Jüngling, die Liebe und ein Versuch der Kultivierung, der bitter fehlschlägt in Werner Schroeters "Der Rosenkönig"  (1984–86).
    foto: viennale

    Ein Hang zur Offenheit des Allegorischen: der Jüngling, die Liebe und ein Versuch der Kultivierung, der bitter fehlschlägt in Werner Schroeters "Der Rosenkönig"  (1984–86).

  • Rosenkavalier, Filmkünstler: Werner Schroeter
    foto: viennale

    Rosenkavalier, Filmkünstler: Werner Schroeter

Share if you care.