Grönlands dunkelste Seite

2. Oktober 2008, 17:45
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Rätselhafte Ablagerungen aus der Urzeit von der Größe Niederösterreichs schwärzen das Eis - Nun entdeckten Forscher was dahinter steckt

Utrecht - Eigentlich ist Grönland weiß. Auf Satellitenbildern erscheint das Land im Nordatlantik als riesige Schnee-Insel. 1993 jedoch entdeckten Geoforscher eine dunkle Fläche auf dem Eispanzer Grönlands. Das rätselhafte Gebilde im Westen des Landes erstreckte sich über etwa 20.000 Quadratkilometer, es war also ungefähr so groß wie ganz Niederösterreich.

Zunächst glaubten die Experten um Johannes Oerlemans von der Universität Utrecht in den Niederlanden an eine Täuschung oder an eine vorübergehende Erscheinung. Doch in den folgenden Jahren war die dunkle Platte wieder da; jeden Sommer ist sie zu sehen.

Zuweilen schimmert sie zwar weniger düster als sonst, doch im Prinzip folgt sie immer dem selben Zyklus: Im Frühsommer schillert die Fläche gräulich, dann wird sie mit jedem Tag dunkler und dunkler. Im Spätsommer erscheint das Gebiet dunkelgrau, im Herbst verschwindet es wieder. Im Winter schließlich ist es in der Region so weiß wie überall sonst auf dem Grönlandeis.

Dunkle Fata Morgana

Das Rätsel zu lösen, erwies sich als schwieriger als zuerst gedacht. Die dunkle Fläche verhielt sich wie eine Fata Morgana: Waren die Forscher endlich an Ort und Stelle angelangt, konnten sie die dunkle Verfärbung nicht mehr sehen. "Auf Luftaufnahmen erscheint das Eis dunkel" , berichtet Irene Wientjes von der Universität Utrecht. "Steht man jedoch auf dem Eis, ist es weiß wie normaler Schnee."

Lange waren die Forscher der Ansicht, nur Schmelzwasser komme als Erklärung in Frage. Es sammle sich im Sommer und verdunkle das darunter liegende Eis - so ihre Theorie. Doch das Modell hatte einen Haken: Am dunkelsten schimmerte es nicht unbedingt dort, wo das meiste Schmelzwasser war.

Nach weiteren Inspektionen der rätselhaften Eisfläche glauben die niederländischen Forscher das Phänomen nun erklären zu können. Wenn der Schnee an der Oberfläche im Sommer taut, werde Staub aus der Urzeit freigelegt, berichtete Irene Wientjes auf einer Geologen-Tagung in Oslo. Weil der fein über den Schnee verteilt ist, kann man ihn aus der Nähe nicht mehr erkennen, sondern nur aus der Satellitenperspektive.

Während der Eiszeiten drifteten gewaltige Staubwolken um die Welt. Viel Wasser war damals in Eis gebunden, der Boden war trockener und wurde vom Wind aufgewirbelt. Über Grönland fegte unentwegt ein natürliches "Sandstrahlgebläse" . Der Staub schlug sich auf dem Eispanzer nieder; Schnee der folgenden Jahrtausende deckte ihn zu. Der Eiszeitdreck wäre wohl nie wieder zum Vorschein gekommen, würde sich das Grönlandeis nicht Richtung Küste bewegen: Unter dem Zug der Schwerkraft fließt der 3000 Meter hohe Eispanzer auseinander wie ein Wackelpudding. Am Rand des Eispanzers gelangt das Eisinnere wieder zum Vorschein.

Hoher Staubgehalt

Wie dunkel die Region im Sommer werde, hänge vor allem von der Schneeschmelze ab. Je mehr Schnee taue, umso mehr Staub werde freigelegt - und desto dunkler werde auch die Fläche. Nach starken Schneefällen im Sommer helle sich das Gebiet vorübergehend auf. Der reichliche Winterschnee deckt es für Monate zu.

Messungen per Satellit stützten die Theorie, sagt Irene Wientjes. Die Grau-Fläche reflektiere Infrarot-Strahlung genauso gut wie der normale Schnee der Umgebung, während sichtbares Licht von der Dunkelregion stark absorbiert wird. "Ein typisches Signal für hohen Staubgehalt" , sagt die Eisforscherin. Den letzten Beweis soll nun eine Bohrung bringen, im Frühjahr wurde sie ins Eis getrieben. Derzeit analysieren die Glaziologen den Inhalt des dabei gewonnenen Bohrkerns. (Axel Bojanowski/ DER STANDARD, Printausgabe, 03.10.2008)

  • Grauer Schleier auf dem Gletscher; links davon Land, das Meer ist schwarz. Die Zahlen beziehen sich auf Breiten- und Längengrade.
    foto: universität utrecht

    Grauer Schleier auf dem Gletscher; links davon Land, das Meer ist schwarz. Die Zahlen beziehen sich auf Breiten- und Längengrade.

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