Die Demaskierung einer Glitzerstadt

2. Oktober 2008, 17:18
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Schneisen durch eine bildergesättigte Metropole: Das Herz der Viennale-Retrospektive "Los Angeles. Eine Stadt im Film" bildet ein Kino der Minderheiten

"Sunshine or Noir?" - Mit diesen zwei begrifflichen Schlaglichtern umschreibt der US-Soziologe Mike Davis in seinem Buch City of Quartz die beiden Pole der kalifornischen Metropole Los Angeles. Die erste postindustrielle Stadt der Welt ist eine schillernde Utopie und ihr Gegenteil: ein Eldorado, das aus der Wüste wuchs und nur mittels halbergaunerter Wasserumleitungen gedeihen konnte.

Dass mit Hollywood hier auch die Filmindustrie residiert, passt da nur zu gut ins Bild. Orson Welles sprach von einem "bright, guilty place" : In The Savage Eye, einem filmischen Kleinod aus dem Jahr 1960, tritt die Stadt als eine einzige Serie von Konsumtempeln, Beauty Salons und Fitnesscentern in Erscheinung - Glücksangebote, die eine frisch geschiedene Frau aus der Fremde als abstoßend empfindet.

Los Angeles. Eine Stadt im Film, die große Viennale-Retrospektive im Filmmuseum, legt ihren Schwerpunkt auf jenes Gesicht der Stadt, in dem hinter dem Glanz soziale und urbane Randzonen zutage treten, die das Mainstream-Kino meist übergeht. Mit dem US-Filmhistoriker und -regisseur Thom Andersen hat man dafür einen ausgewiesenen Experten als Kurator verpflichten können.

In seinem Collagefilm Los Angeles Plays Itself bot er bereits einen Parcours durch eine bildergesättigte Stadt, in der Hinweise auf das Kino unübersehbar sind. Andersen geht es in dieser Arbeit, die sich als Einführung in den Topos empfiehlt, allerdings mehr um die Verkleidungen der Stadt. Nicht ohne Ironie behandelt er darin die Mittel, mit denen Filme die Stadt neu erfinden, sie immer wieder zerstören oder auch gerne als eine andere ausgeben. Einige der Arbeiten sind nun auch in der Retrospektive zu sehen - solche, die von Los Angeles ein realistisches Bild zu bewahren vermochten.

Kent Mackenzies The Exiles (1958/1961) beispielsweise, das rare Beispiel eines dokumentarisch anmutenden Spielfilms um das Dasein von "Native Americans" , die ihren Stamm verlassen haben und nach L.A. gekommen sind, um hier ihr Glück zu versuchen. Die Laiendarsteller schöpfen aus ihren eigenen Erfahrungen. The Exiles, der Titel legt es schon nahe, ist ein Film über Identitätsverlust und Entfremdung - über das Abgleiten in eine Gleichgültigkeit, die langsam alle sozialen Bande zersetzt.

Mackenzie folgt drei Figuren durch eine lange Nacht: einer schwangeren Frau, die ihre Hoffnung auf familiäres Glück schon fast begraben hat, ihrem Ehemann, der sich zunehmend in Bars und Nachtclubs erschöpft, und einem jungen Mann, der sich in der immerwährenden Gegenwart eines exzessiven Nachtlebens verliert.

Urbane Indianer

Der Film wählt keine moralisierende Form für diese Erzählung, sondern entwickelt Zeitbilder von enormer Intensität. Die Sensibilität für den spezifischen Ort der Handlung - Bunker Hill, ein zwielichtiges Viertel, das bald danach gentrifiziert werden sollte - ist groß. Erst im Finale bietet der Film eine Ausfahrt auf einen der Hügel der Stadt. Dort versammeln sich die Ureinwohner mit ihren Autos hupend zu einem Stammestreffen, das ihre Entwurzelung nur umso nachdrücklicher zum Ausdruck bringt.

In Los Angeles. Eine Stadt im Film fehlen weder die pessimistischen Stadtentwürfe des Film noir (darunter Klassiker wie Detour, Double Indemnity oder Murder by Contract, eine der Präzisionsarbeiten von Irving Lerner) noch ein Exploitation-Kino wie Gone in 60 Seconds oder The Wild Angels, in dem die ungehemmte Bewegung durch den städtischen Raum im Vordergrund steht.

Ein marginalisiertes Kino der Minoritäten bildet aber das eigentliche Herz der Schau. Ende der 70er-Jahren kam es rund um einige Abgänger der UCLA zu einer kurzen Welle an neorealistischen Filmen, die wieder an den Geist von The Exiles anschlossen. Der afroamerikanische Regisseur Charles Burnett erzählt in My Brother's Wedding von einem Mann, der in der Kleiderreinigung seiner Mutter arbeitet und ein wenig zu unbeschwert durchs Leben driftet. Die bürgerliche Existenz seines Bruder ist ihm zuwider. Der Freund, der aus dem Gefängnis kommt, taugt nicht als "role model" . Zwischen den beiden Varianten bleibt wenig Platz.

In Bush Mama, dem ekstatischen Debütfilm des Äthiopiers Haile Gerima (bei dem Burnett Kameramann war), fantasiert eine junge Mutter von der politischen Selbstermächtigung, während auf den Straßen krude Polizeigewalt herrscht. Los Angeles ist in diesen Filmen ein Ort der Segregation. Aber die präzise Beschreibung einer Lebenswelt öffnet ein Bewusstsein dafür, dass es auch anders ginge. (Dominik Kamalzadeh / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.10.2008)

5.10.–5.11., Filmmuseum

Link: Filmmuseum.at

  • Passage durch Wirklichkeit und Illusion: Pat O’Neills "Water and Power"  ist eine filmische Reflexion über die Bedeutung des Wassers für die Stadt.
    foto: viennale

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  • Entwurzelt und vereinsamt: Kent Mackenzies "The Exiles" erzählt vom Leben der Ureinwohner in L. A.
    foto: viennale

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