Nicht gesucht: Soziale Kompetenzen

5. Oktober 2008, 16:00
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Soft Skills und Gender Mainstreaming existieren nur am Papier, wichtig sind nach wie vor messbare Führungskompetenzen - Erste Ergebnisse der Studie "Erfolgsfaktoren im Management"

Nach welchen Faktoren werden Nachwuchskräfte rekrutiert, nach welchen Kriterien wird über Beförderungen entschieden, welche Erfolgsfaktoren sind für eine Management-Karriere ausschlaggebend? Antworten auf diese Fragen gab Marlies Buxbaum vom Bzd (Beraterzentrum Dorotheergasse), Expertin im Bereich Führungskräfteentwicklung, Assessment Center und Potenzialanalysen beim aktuellsten STANDARD-Mentoring-Circle. Gemeinsam mit Helvetia Versicherung lud ACM (academic mentoring) zur letzten Special-Interest-Veranstaltung in dieser Saison, mit derStandard.at/Karriere als Medienpartner.

Marlies Buxbaum präsentierte erste Ergebnisse der neuen Bzd-Studie "Erfolgsfaktoren im Management" - und sorgte damit für einige Überraschungen. "In unserer Studie erkennen wir zwei Tendenzen: Zum einen ist Vernetzungsfähigkeit ganz stark gefragt, zum anderen die Selbstlernfähigkeit", so Buxbaum. Für die Studie wurde das "Bochumer Inventar zur berufsbezogenen Persönlichkeitsbeschreibung" herangezogen, damit wurde die Wichtigkeit von folgenden Faktoren erhoben: Berufliche Orientierung wie Gestaltungs-, Führungs- und Leistungsmotivation, soziale Kompetenzen wie Sensitivität, Kontaktfähigkeit, Teamorientierung und Durchsetzungsvermögen, Arbeitsverhalten wie Gewissenhaftigkeit und Flexibilität und die psychische Konstitution, dazu zählen emotionale Stabilität, Belastbarkeit und Selbstbewusstsein.

Überraschende Ergebnisse

Die drei wichtigsten Erfolgsfaktoren für Projektleiter für die 50 befragten Unternehmen: erstens Leistungsmotivation - diese könne man zum Beispiel an diversen Zeugnis-Noten ablesen. Zweitens Gewissenhaftigkeit und drittens die berufliche Erfahrung. "Es mag überraschen, aber gerade bei Einsteigern wird sehr auf die vorhandene berufliche Erfahrung geschaut", weiß Buxbaum. Es ist daher sicher von Vorteil, wenn man einige gute Praktika vorweisen kann. Weniger wichtig sei bei Einsteigern die Führungsmotivation und die Soziabilität. "Es ist nicht unbedingt erwünscht, dass Neueinsteiger sofort alles Mögliche im Unternehmen verändern wollen", erklärt die Expertin den Grund, warum auch Gestaltungsmotivation wenig zählt.

Im mittleren Management sieht die erwünschte Kompetenzenverteilung schon etwas anders aus: Hier zählt zwar auch die Leitungsmotivation als wichtigster Erfolgsfaktor, doch Handlungsorientierung und psychische und physische Belastbarkeit kommen gleich danach. Als "überraschend" bezeichnet Buxbaum das Ergebnis für die am wenigsten wichtigen Erfolgsfaktoren: "Soziabilität, wie zum Beispiel Diplomatie oder Freundlichkeit, ist so gut wie gar nicht gefragt." Auch die berufliche Ausbildung und berufliche Erfahrung sind wenig wichtig. "Man sieht ja, was jemand kann", erklärt Buxbaum den Grund.

Gestaltungswille im Topmanagement

Im Topmanagement hingegen ist die Gestaltungsmotivation am allerwichtigsten - zum Beispiel Strategien entwickeln, nach vorne agieren. Am zweitwichtigsten gilt der Faktor Belastbarkeit, gefolgt von der Führungsmotivation. Auch in den Führungsetagen werden Faktoren, die "als scheinbar hohes Gut gelten", wie Teamorientierung, Soziabilität am wenigsten geschätzt, so Buxbaum. Auch Gewissenhaftigkeit sei in Führungsetagen unwichtig, "Führungskräfte sind ja keine Sachbearbeiter".

Nicht in der Studie - aber trotzdem interessant - ist die Verteilung der Erfolgsfaktoren bei Unternehmern. An erster Stelle rangiert bei ihnen das Durchsetzungsvermögen, an zweiter die Kontaktfähigkeit - zum Beispiel auf Kunden zugehen. Auch auf emotionale Stabilität kommt es an: "Ein Unternehmer muss Schwierigkeiten oder Leerläufe aushalten können", so Buxbaum.

Auch hier gibt es eine Überraschung: Führungsmotivation zählt zu den am wenigsten wichtigen Faktoren. Auch dafür hat Buxbaum eine einleuchtende Erklärung: "Ich habe oft beobachtet, dass Unternehmer sehr einzelkämpferisch begabt sind, eher Selber-macher sind und das Delegieren lieber anderen überlassen. Dafür sind sie stärker in der Sachorientierung." Teamorientierung und Belastbarkeit sind auch nicht wichtig, "jeder weiß, dass Unternehmer einfach nicht krank werden dürfen", so Buxbaum mit einem Augenzwinkern.

Soft Skills und Gender Mainstreaming nur auf dem Papier

Welche Schlussfolgerungen ergeben sich aus diesen Ergebnissen für die Mitarbeiter? "Im Management stehen ganz klar die klassischen, sichtbaren und messbaren Faktoren im Vordergrund, wenn es um Beförderungen und Karrierewege geht", fasste Buxbaum treffend zusammen. Soft Skills werden zwar in allen Inseraten und Stellenprofilen groß geschrieben - die Frage bleibe aber, wie hoch die praktische Relevanz tatsächlich ist, hat man die obigen Ergebnisse im Hinterkopf. "Social Skills sind im Vorfeld nicht gut messbar. Laut unserer Studie haben nur drei Prozent der Unternehmen Instrumente Soft Skills messbar zu machen, zum Beispiel mit Hilfe von Assessment Centern."

Als neue Anforderung gilt die Vernetzungsfähigkeit: "Das heißt auch eigene Kontakte der Firma zur Verfügung zu stellen", meinte Buxbaum. Themen wie 'Work-Life-Balance' und 'Gender Mainstreaming' scheinen für sie hingegen eher 'Schönwetterthemen' zu sein". Angesichts der Ergebnisse der Studie stelle sich die Frage wie relevant diese Themen in Führungsetagen tatsächlich sind. (mat, derStandard.at, 5.10.2008)

  • Der Gastgeber des Abends Burkhart Gantenbein (Generaldirektor der Helvetia Versicherung) begrüßt die Gäste
    foto: derstandard.at/türk

    Der Gastgeber des Abends Burkhart Gantenbein (Generaldirektor der Helvetia Versicherung) begrüßt die Gäste

  • Marlies Buxbaum (Expertin im Bereich Führungskräfteentwicklung, Bzd - Beraterzentrum Dorotheergasse) präsentiert erste Ergebnisse aus einer laufenden Bzd-Studie zum Thema "Führung und Management"
    foto: derstandard.at/türk

    Marlies Buxbaum (Expertin im Bereich Führungskräfteentwicklung, Bzd - Beraterzentrum Dorotheergasse) präsentiert erste Ergebnisse aus einer laufenden Bzd-Studie zum Thema "Führung und Management"

  • Mentees und Mentoren des STANDARD-Mentoring-Circles im Gespräch beim "acm-Mentoring-Café"
    foto: andrea filoxenidis/helvetia versicherungen ag

    Mentees und Mentoren des STANDARD-Mentoring-Circles im Gespräch beim "acm-Mentoring-Café"

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