Vom Zugpferd zum Schwachpunkt: Vize Palin kostet McCain Stimmen

2. Oktober 2008, 10:41
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US-Vizekandidaten Biden und Palin in sich zu TV-Duell aufeinander - Erwartungen an Palin geringer als an Biden - Umfrage: Deutliche Mehrheit spricht McCains "Sidekick" die Erfahrung ab

Washington - Die Debatte zwischen den US-Vizepräsidentschaftskandidaten in der Nacht zum Freitag kommt ungewöhnliche Bedeutung zu: Sie könnte ausnahmsweise Auswirkungen auf den Ausgang der Wahl haben. Entsprechend dürfte das Rededuell zwischen der Republikanerin Sarah Palin und dem Demokraten Joe Biden mehr Fernsehzuschauer anlocken als das erste Aufeinandertreffen ihrer Chefs John McCain und Barack Obama in der vergangenen Woche.

Kurz vor der Debatte wachsen nämlich einer Umfrage zufolge die Zweifel an der Republikanerin Sarah Palin. Rund die Hälfte aller befragten Wähler zeigten sich der "Washington Post" zufolge besorgt, dass der Republikaner John McCain mit 72 Jahren Präsident werden könnte. Von diesen Wählern sprachen 85 Prozent Palin die Erfahrung ab, um beim Tod des Präsidenten verfassungsgemäß dessen Amt übernehmen zu können. Insgesamt waren 60 Prozent der Wähler der Ansicht, dass es Palin dafür an Erfahrung mangle. Vor einem Monat sagten dies nur 45 Prozent, wie das Blatt am Donnerstag berichtete.


ABC-Interview, Quelle: YouTube

Bisher nur drei Interviews und keine einzige Pressekonferenz

Die 44-jährige Palin trifft in der Nacht zum Freitag in der ersten und einzigen Fernsehdebatte der Vize-Kandidaten vor der Wahl am 4. November auf ihren demokratischen Rivalen Joe Biden. Alle Augen werden dabei auf die vergleichsweise unbekannte Gouverneurin von Alaska gerichtet sein, die sich bisher aus den Medien weitgehend ferngehalten hat. Sie gab nur drei Interviews und keine einzige Pressekonferenz. Doch diese Auftritte haben ihr der Umfrage der "Washington Post" und des Fernsehsenders ABC zufolge eher geschadet. Vor einem Monat hätten die Befragten sie noch auf Augenhöhe mit McCain und Obama gesehen, so die "Post". Palin hatte mit ihrem couragierten Auftritt auf dem Nominierungsparteitag zwar die republikanische Basis elektrisiert und der McCain-Kampagne Schwung verliehen. In Interviews war sie dann aber nicht in der Lage, das außenpolitische Konzept von Präsident George W. Bush zu erklären, sie schien nicht viel von der Finanzindustrie zu wissen und einmal sogar Obamas Position zur Jagd auf Al-Kaida-Mitglieder in Pakistan zu unterstützen.

 

Finanzkrise dominiert Diskussionen

Aber auch der demokratische Vize-Kandidat Joe Biden hat mit einigen Schwächen zu kämpfen. Kürzlich hat er mit der Bemerkung Aufsehen erregt, Hillary Clinton wäre vielleicht die bessere Vizepräsidentschaftskandidatin für Obama gewesen. Und dem zu langen Ausführungen neigenden Politprofi dürfte das strenge Debattenformat zu schaffen machen, das 90 Sekunden für Antworten vorsieht. Biden dagegen gilt mit 35 Jahren Senatserfahrung als qualifiziert - hat aber eine Neigung, in Fettnäpfchen zu treten.


CBC-Interview, Quelle: YouTube

Über Biden sagte Palin in einem CBS-Interview: "Er hat unheimlich viel Erfahrung und ich bin, wissen Sie, die neue Energie, das neue Gesicht, die neuen Ideen. Und er hat die Erfahrung von vielen Jahren im Senat und die Wähler werden entscheiden müssen, was sie die nächsten vier Jahre haben wollen."

Abgeschirmt in Arizona

Palin wurde auf McCains Ranch in Arizona abgeschirmt von der Öffentlichkeit auf das Duell mit Biden vorbereitet. "Ich denke, sie kommt nicht mit Bemerkungen zur Außenpolitik wie der davon, sie kenne sich mit Russland aus, weil es nahe bei Alaska liegt", sagte der republikanische Wahlkampfstratege Tom Homer. Palin müsse sich als jemand präsentieren, "der mit jemand auf dem Niveau von Senator Biden ohne vor ihr aufgestellten Teleprompter diskutieren kann".

"Ich würde nicht in Joe Bidens Haut stecken wollen", sagt der Meinungsforscher John Zogby. "Er darf keine Bulldogge sein und er darf kein Mauerblümchen sein. Er darf nicht allwissend wirken und er darf nicht zu passiv sein", sagte er über die Debatte. "Er wird wie ein Vater mit seiner Tochter da oben sein - und die Väter gewinnen nie."

Lügenmesser

Beim Duell soll übrigens ein Glaubwürdigkeitsmesser ("Believability Meter") zum Einsatz kommen. Mittels einer Spezialsoftware misst die Internet-Website "RealScoop", wie nahe an der Wahrheit beziehungsweise wie weit von ihr entfernt die Aussagen der Politiker liegen.

Mit der von RealScoop entwickelten Technologie wird mittels verschiedenfarbiger Balken unterhalb eines Videos angezeigt, wie die Aussagen einer Persönlichkeit zu bewerten sind. Färbt sich der Balken rot, sind ernste Zweifel angebracht.

Insgesamt liegt Palin mit einer Zustimmungsrate von jetzt 51 Prozent hinter Biden mit 57 Prozent. Bei der Telefonumfrage wurden gut 1.000 registrierte Wähler befragt. (red, APA/Reuters)

  • Die Internet-Website "RealScoop" will mit ihrem "Believability Meter" die Glaubwürdigkeit der Vize-Kandidaten dokumentieren.
    screenshot

    Die Internet-Website "RealScoop" will mit ihrem "Believability Meter" die Glaubwürdigkeit der Vize-Kandidaten dokumentieren.

  • Licht- und Kameraprobe vor dem TV-Duell. Die Plätze der Diskutierenden nehmen vorerst Statisten ein.
    foto: epa/tannen maury

    Licht- und Kameraprobe vor dem TV-Duell. Die Plätze der Diskutierenden nehmen vorerst Statisten ein.

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