Sexy oder sexualisiert?

2. Oktober 2008, 09:54
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Welche Botschaften mit Kleidung verbunden sind und ob Mode heute noch provozieren oder befreien kann, wurde im "Politischen Café" in der VHS-Alsergrund diskutiert

Wenn H.C. Strache im T-Shirt mit einem Konterfei von Che Guevara auftritt, Krocha Palästinensertücher tragen, junge Frauen sich in Mieder zwängen ... welche Absichten verfolgen sie damit? Verfolgen sie überhaupt irgendeine Art von Absicht? Handelt es sich um unbewusste Darstellungen modischer Trends oder den Ausdruck von Gruppenzugehörigkeit durch bestimmte Attribute? Geht es ihnen um den Transport politischer Botschaften oder um reine Provokation?

Um diese Fragen kreiste die Diskussion unter dem Motto "Drücken wir mit unserer Kleidung etwas Politisches aus?", die in der Veranstaltungsreihe "Politisches Café" der VHS-Alsergrund am 1. Oktober Premiere hatte. So unterschiedlich die Diskutierenden am Podiumstisch - Ruth Aspöck, Schriftstellerin und Mitbegründerin von "AUF. Eine Frauenzeitschrift", DER STANDARD-Modejournalist Stefan Hilpold, Koordinatorin der Clean Clothes-Kampagne Michaela Königshofer und Christine Kikl von "Juvivo - es lebe die Jugend" - so different auch die Meinungen im Publikum.

Am deutlichsten zeigte sich der Dissens in der Frage des Sexismus, die anhand des zu Eingangs gezeigten Videos "These Boots are made for walking" (einer Coverversion aus den 60er-Jahren ) aufgeworfen wurde. Ein auf sexy gestyltes Cowgirl in knallroten Stiefeln und bauchfreien Hotpants bringt in einem Western-Saloon die Männer reihenweise zum buchstäblichen Erliegen und anstelle der Boys treten schlussendlich lauter Girls in Stiefeln auf. Durch die Bank "sexy" - oder eben sexistisch dargestellt.

Aneignung von Macht

Während über Letzeres im weiblichen Publikum Einigkeit herrschte, fanden die Männer das Video "harmlos" und "einfach nur kommerziell". Stefan Hilpold gestand zwar die "klischeehafte Darstellung der Frau" ein, meinte jedoch, dass mit der Aneignung der Stiefel der sexualisierte Blick ironisch gebrochen sei und es eigenlich um die Einverleibung der männlichen Macht durch die Cowgirls gehe.

Diese "angebliche Befreiung der Frau" sei heute neutralisert, konterte Ruth Aspöck, und habe somit nichts mehr mit Macht zu tun. Im Gegenteil gehe es heute nicht mehr um Befreiung, sondern um Einengung des Körpers und vor allem der Haut. "Das hat sich verschärft", meinte sie. Schönheits-Ops, Piercings, Tatoos und die Vorgabe, schlank und schön sein zu müssen, sei zu einem enormen gesellschaftlichen Druck angewachsen. "Zurückfinden zu dem, wie man eigentlich ist und dazu zu stehen, ist heute viel schwerer".

Dass mit dem Aussehen politsche Handlungen verbunden sind, fand Stefan Hilpold wenig bemerkenswert: "Man will halt gut ausschauen" und sei eben von der Ebene der Kleidung auf jene des Körpers übergegangen. Christine Kikl warf ein, dass es den Jugendlichen ums Provozieren gehe: "Die Mädchen wollen zwar sexy ausschauen, aber nicht darauf reduziert werden". Ob jedoch ihr Wille in den Botschaften, die sie mit Minirock und Mieder aussenden, realisiert wird, ist anzuzweifeln. Der sexualisierte Blick ist zwar mittlerweile mainstream geworden und somit hat auch sexuelle Provokation durch Kleidung an Sprengkraft verloren, die Klischees über eine "sexy" zurecht gemachte Frau sind jedoch noch immer fest verankert. (dabu/dieStandard.at, 02.10.2008)

  • Einverleibung von Macht oder Verharren in sexualisierten Strukturen ...
    Foto: APA/EPA

    Einverleibung von Macht oder Verharren in sexualisierten Strukturen ...

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