Eingebürgerte sind treue SPÖ-Wähler

1. Oktober 2008, 19:23
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Im Gegensatz zur bisherigen Lesart haben die Meinungsforscher von Sora erhoben, dass Neo-Österreicher keineswegs überproportional oft die FPÖ wählen

Stattdessen sind Rot und Grün bei ihnen hoch im Kurs

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Wien - Seit Sonntag geben sich die Freiheitlichen im Hinblick auf die Wiener Landtagswahl 2010 selbstbewusst. Man werde weiter auf die Themen Ausländer und Teuerung setzen und damit auch in der Bundeshauptstadt punkten. Von der Wiener SP schlagen den Blauen scharfe Töne entgegen. Macht sich in der Stadtregierung Verunsicherung breit?

Die Stimmen eines Lagers sind den Sozialdemokraten seit Jahren gewiss - und das blieb auch bei dieser Nationalratswahl so: jene von Wählern mit Migrationshintergrund. "Während eingebürgerte Akademiker Grün wählen, wählen Eingebürgerte aus dem Arbeitermilieu traditionell SPÖ", sagt Günther Ogris vom Meinungsforschungsinstitut Sora. Das hätten auch bei dieser Wahl zwei Umfragen ergeben, die damit die Forschungsergebnisse der vergangenen zehn Jahre bestätigten. So haben bei einer Befragung 49 Prozent der beteiligten Eingebürgerten angegeben, bei den Sozialdemokraten ihr Kreuzerl gemacht zu haben (siehe Grafik). FPÖ oder BZÖ kamen gemeinsam auf zwölf Prozent der Stimmen. Allerdings gibt es derzeit noch keine Forschungsergebnisse zum Wählerverhalten der zweiten Generation.

Warum Menschen mit Migrationshintergrund vorrangig Rot wählen? Hier habe man es mit einem aufstiegsorientierten Arbeitermilieu zu tun, das meist in großen Betrieben und damit in vielen gewerkschaftlich organisierten Firmen beschäftigt sei, erklärt Ogris. Das Christentum spiele in ihrem Leben in den meisten Fällen keine Rolle. "Und die Rechten werden als Gegner wahrgenommen, weil sie Feindseligkeit schüren", sagt Ogris. Dass gerade auch Wähler mit Migrationshintergrund Blau und Orange ihre Stimme gegeben hätten, sei "Blödsinn. Das widerspricht den Ergebnissen jahrelanger Forschung".

Die "soziale Distanz" der Akademiker führe zu dieser Interpretation des Wahlergebnisses, meint Ogris. "Der Großteil der Akademiker unterhält sich nicht mit dem Bauarbeiter oder dem Lastwagenfahrer" und werfe Ausländer und Strache gewissermaßen in eine Schublade.

Rechte Mittelschicht

Jene Wähler, die rechts gewählt haben, seien vor allem "mittelschichtig", hätten also eine Lehrlingsausbildung oder Berufsschulabschluss. Der Großteil sei jünger als 40 Jahre alt und habe nicht wegen Problemen mit Ausländern Blau gewählt, sondern aus Protest. Wegen ihrer unsicheren Beschäftigungssituation, sei eine "handlungsfähige Regierung" für sie wichtig. "Das sind zum Großteil Leute, die gar nicht wollen, dass Strache Bundeskanzler wird", sagt Ogris. Er meint, das im Wahlkampf fast komplett ausgesparte Bildungsthema hätte der SPÖ mehr Stimmen bringen können.

Derzeit stürzen sich sowohl Blaue als auch Rote in Wien auf Fragen der Integration. Und das, obwohl der Wiener Bürgermeister Michael Häupl keine Versäumnisse im Integrationsbereich sieht: "Wenn wir Fehler gemacht haben, dann, dass wir zu wenig darüber geredet haben, was wir machen." Die zuständige Stadträtin Sandra Frauenberger (SP) sagte am Dienstag, sie lasse sich "Integrationspolitik nicht schlechtreden". Hier tue sich einiges. So werde sie etwa Mitte Oktober die neuen Niederlassungs- und Integrationsbegleitungen für Zuwanderer präsentieren. Diese sollen im November starten: "Es geht dabei um Hilfe zur Integration, aber auch um die Vermittlung von Rechten und Pflichten für Zuwanderer."

Im Vorjahr gab es zudem für die Gebietsbetreuungen in Gemeindebauten mehr Geld und Personal. Ein interkultureller Mediatorenpool wurde eingerichtet. Stimmen brachte das diesmal aber kaum: Gerade in den Gemeindebauten konnte die FPÖ deutlich zulegen. (Gudrun Springer, DER STANDARD Printausgabe, 02.10.2008)

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    Werner Faymann umwarb auf dem Viktor-Adler-Markt.

  • Wilhelm Molterer auf dem Naschmarkt potenzielle Wähler mit Migrationshintergrund.
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    Wilhelm Molterer auf dem Naschmarkt potenzielle Wähler mit Migrationshintergrund.

  • Heinz-Christian Strache im angeregten Gespräch: Eine Sora-Umfrage
ergab, dass acht Prozent der eingebürgerten Wähler sich für die FPÖ
entschieden.
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    Heinz-Christian Strache im angeregten Gespräch: Eine Sora-Umfrage ergab, dass acht Prozent der eingebürgerten Wähler sich für die FPÖ entschieden.

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    BZÖ-Wähler mit Migrationshintergrund sind eher die Ausnahme.

  • Während die Grünen vor allem bei eingebürgerten Akademikern punkten.
    hendrich

    Während die Grünen vor allem bei eingebürgerten Akademikern punkten.

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