Eine Kettenreaktion wird fortgesetzt

1. Oktober 2008, 18:55
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Die zentralen Objekte und Requisiten des legendären Kunstfilms "Der Lauf der Dinge" fassten Peter Fischli und David Weiss zu einer Installation zusammen

Jetzt gelangt sie bei Christie's in Zürich zur Auktion.

Wien - Die Kettenreaktion ist das wesentliche Prinzip. Die Kamerafahrt begleitet den auf einer Länge von knapp 40 Metern zusammengestellten Versuchsaufbau. Die improvisierten Vorrichtungen agieren nach den Gesetzen der Physik und Chemie, ein Element gibt den Bewegungsimpuls dann an das nächste weiter. Die einzelnen Akteure: schiefe Ebenen, Konservendosen, Reifen, Plastikflaschen, Zündschnüre, Feuerwerkskörper und mit Gas gefüllte Luftballons.

Der für die Documenta 8 produzierte Kunstfilm Der Lauf der Dinge wurde ein Publikumserfolg und gehört zu den meistgesehenen aller Zeiten. Er machte das Schweizer Künstlerduo Peter Fischli und David Weiss 1987 weltberühmt.

Beim Bier in einem Züricher Restaurant war eines zum anderen gekommen. Kameramann Pio Corradi machte Fischli/Weiss mit Alfred Richterich bekannt. Der Schweizer Mäzen, Sammler, Philosoph und Spross der Ricola-Dynastie hatte damals bereits Fredi M. Murers Höhenfeuer (1985) produziert und begeisterte sich für die Ideen des Künstlerduos. Der erste Teil von Der Lauf der Dinge war noch ohne Richterichs finanzielle Unterstützung gedreht worden, die finale dreißigminütige Version mit seiner Hilfe.

Als Dank sollten die zentralen Objekte und Requisiten bei Richterich eine neue Heimat finden. Ein passender Medizinschrank konnte zuerst nicht gefunden werden, schließlich ließ Richterich ihn nach Skizzen auf Maß fertigen. Fischli/Weiss reisten mit dem prallgefüllten Auto an und vollendeten das Arrangement. Das war vor 20 Jahren.

Seit damals waren die Skulpturen in ihrer Gesamtheit nur dreimal öffentlich ausgestellt, im Museum für Gegenwartskunst Basel (1988), im Pariser Centre Pompidou (1992) und dem Kunsthaus Aarau (1993). Einzelne Objekte, wie der Käfer - eine auf einem Rollschuh montierte Aluminiumfeldflasche mit zwei Messern statt der Flügel - waren zuletzt in der Londoner Tate Modern (2007) und den Hamburger Deichtorhallen (2008) zu sehen. Wo auch immer sie stationiert waren, faszinierten sie ein Millionenpublikum. "Sie gehört unter die Leute" , lautet Alfred Richterichs Statement auf die Frage, wieso er sich von dieser Ikone der Schweizer Gegenwartskunst nun trennt. Außerdem müsse sie konservatorisch betreut werden, und überhaupt hätte sie gar nie so richtig in seine Sammlung gepasst.

Gegen den Warenfetischismus

Hier hat - fern der Öffentlichkeit - vor allem Minimal Art das Sagen. Nur so viel. Denn über seine Sammlung zu reden, die damit bestenfalls auch nur indirekt verbundene Vermarktung, ist ihm ein Gräuel. Auf ein paar Schlagwörter will er das nicht zusammengebastelt wissen, das habe keine Aussagekraft über sein Tun, noch weniger darüber, wer er sei. Seine Kollektion sei eine kleine, in sich geschlossene, in ihrer Gesamtheit also als Protest gegen den gerade in der Kunstszene grassierenden Warenfetischismus zu verstehen. Eigentlich sei er mehr ein philosophischer Typ, kein klassischer Sammler. Ende der 70er-Jahre hatte dieses Kapitel begonnen, mit einer bei der Art Basel erworbenen Arbeit von Frank Stella. Punkt.

Zurück zu Der Lauf der Dinge. Die Idee zur Versteigerung stand nicht am Beginn der Überlegungen, wie Richterich sowieso noch nie ein Kunstwerk verkauft hat. Ja, die ihm bekannten internationalen Museen hätten wohl Interesse gehabt, aber welches sollte quasi begünstigt werden? Auch eine Widmung war angedacht, aber das Risiko, die Gefahr, dass die Installation dann in einem Lagerraum ihr Dasein fristen könnte, schien zu groß. Das würde bei einem Ankauf kaum passieren, so die Denkübung. Wer bezahlt, wird die Installation auch zeigen. Ein über die Experten von Christie's eingeleiteter Privatverkauf? Das schien Richterich nicht geeignet, es muss ja auch im Sinne von Fischli/Weiss sein. Letztlich bekommt die Installation nun die Öffentlichkeit, die sie benötigen wird. Zumindest kurzfristig.

Am 1. Dezember werden in der Zürcher Niederlassung von Christie's die Dinge ein letztes Mal ihren Lauf nehmen. Zusammen mit der 16-mm-Filmrolle gelangt die Installation zum Aufruf, soll zwischen 570.000 und 950.000 Euro einspielen. Das Geld wird der Alfred-Richterich-Stiftung zur Förderung der jungen Künstlergeneration zugutekommen, so der Mäzen. Der Philosoph und Sammler hofft auf einen Platz in einer Museumssammlung, der Wechsel in Privatbesitz bleibt ein kalkuliertes Risiko. (Olga Kronsteiner / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.10.2008)

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    foto: christie’s
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