Kritisierter Gutachter stellt weiter Alter jugendlicher Flüchtlinge fest

1. Oktober 2008, 18:44
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Nach wie vor Schädel- und Nierenmessung: Bundesasylamt ignoriert Asylgerichtshof

Wien - Die im Standard beschriebenen Altersgutachten des burgenländischen Kinderarztes Alfred Klabuschnigg, der wöchentlich bis zu 15 jugendliche Flüchtlinge für volljährig - und damit aus Österreich abschiebbar - erklärte, stießen im heurigen Sommer auf breite Kritik. Ende Juli kippte der Asylgerichtshof zwei dieser Expertisen, die der 60-jährige Mediziner auf der Grundlage von Nierengröße, Schilddrüsenvolumen und Merkmalen wie Zahnstand und Körperbehaarung erstellt hatte.

Die Gutachten seien "kursorisch gehalten", Angaben über die "Verlässlichkeit der verwendeten Methoden" fehlten, begründeten die Asylgerichtshof-Richter ihre Ablehnung: Eine, wie beim Gerichtshof am Mittwoch bestätigt wurde, inhaltlich gemeinte Kritik. Doch so kam sie beim Bundesasylamt Traiskirchen offenbar nicht an: Nach einer kurzen urlaubsbedingten Pause begutachtet Klabuschnigg seit Anfang September weiter, ganz so wie davor.

Auch seine Methode ist unverändert geblieben, wie zwei neue, dem Standard vorliegende, Expertisen zeigen: Kopfumfang, Körperbau, Körperbehaarung, Zahnstand, Sonografie von Nieren und Schilddrüse ließen ihm am 25. August bei einem jungen Afghanen zu dem Schluss kommen, dass dieser "deutlich über 18 Jahre alt" sei. Dieselben Kriterien, ergänzt durch die "Berücksichtigung psychologischer Elemente bei der Befragung" (siehe Faksimile), führten bei einem jungen Afghanen am 18. September zum gleichen Schluss.

Im Erstaufnahmezentrum Traiskirchen stößt dies bei manchem Mitarbeiter auf Unmut. Pro Woche würden derzeit "vier bis sechs" junge Männer zu Klabuschnigg geschickt, "zwei Drittel bis drei Viertel" von ihnen würden für volljährig erklärt, viele davon seien "Zweifelsfälle", meint einer.

Die Weiterbeauftragung Klabuschniggs sei vor dem Hintergrund der "im Bundesasylamt vorherrschenden Meinung" zu sehen, dass "ein Großteil der Flüchtlinge, die behaupten, minderjährig zu sein, in Wahrheit erwachsen sind und lediglich der Abschiebung entgehen wollen". Eine Ansicht, die auch Wilfried Kovarnik, Leiter der verwaltungspolizeilichen Abteilung und Fremdenpolizei in Wien, unter Hinweis auf Einzelfälle teilt.

Im Innenministerium weiß indes Karl Hutter von der fortgesetzten Beauftragung Klabuschniggs nichts. Der Asylgerichtshof habe "klargestellt, dass hier etwas geändert werden muss. Daran wird gearbeitet", sagt er. (Irene Brickner, DER STANDARD Printausgabe, 02.10.2008)

 

  • Auszug aus einem neuen Klabuschnigg-Gutachten. Auch wenn der Mediziner
irren sollte: Die Abschiebung des Betreffenden rückt damit näher.

    Auszug aus einem neuen Klabuschnigg-Gutachten. Auch wenn der Mediziner irren sollte: Die Abschiebung des Betreffenden rückt damit näher.

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