Wen kümmert's?! Uns nicht! - die junge Rockband Killed By 9 Volt Batteries

1. Oktober 2008, 18:31
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Die jungen Steirer pfeifen mit rückkoppelnden Gitarren und wildem Gebrüll auf eine Karriere ohne Chance. Das klingt berührend negativ

Wien - Die wichtigste Entscheidung im Leben eines jeden Kulturschaffenden muss möglichst früh fallen. Es geht darum, jenes Alleinstellungsmerkmal für sich zu sichern, das den eigenen Musenkuss von mindestens tausend anderen gleichzeitig um die öffentliche Aufmerksamkeit im unfairen Wettstreit befindlichen Künstlern unterscheidet. Zeit ist Geld, das wir nicht haben.

Seit zwei, drei Jahren sorgt die junge Rockband Killed By 9 Volt Batteries zunehmend für Furore in der engen heimischen Musikszene unverzagten oder originären Zuschnitts. Angesichts einer allumfassenden Provinz geradezu prototypisch aus der steirischen Rock-'n'-Roll-Einöde Weiz kommend, hat das Quartett schon früh eine entscheidende Lücke im System für sich entdeckt.

Wenn man mit seiner Kunst nichts werden kann, weil man in diesem durchgängig verzagten Land mit seiner forschen Deutung von Zeitgenossenschaft und Unmittelbarkeit ohnehin kein anderes Leiberl reißt als eines aus dem Second-Hand-Laden, kann man ganz ungeniert auf den Putz hauen. Wen kümmert's?! Uns nicht!

Das seit 2006 jetzt dritte in Eigenproduktion entstandene Album Escape Plans Make It Hard To Wait For Success (Neuhass) präsentiert die Gruppe um Wolfgang Möstl als energetischsten und forschesten Mitstreiter eines Genres, in dem es historisch gesehen schon lange um nichts mehr geht. Immerhin gilt Grungerock mit Humana-Outfit und billigen Schrottgitarren vom Flohmarkt seit 1994 als mindestens so tot wie Kurt Cobain. Von dessen Sündenfall mit dem verbindlichen künstlerischen Irrtum, dem weltweiten Erfolg des Unplugged-Albums, ganz zu schweigen.

Wolfgang Möstl, dieser junge, sympathisch-muffige und etwaigen Verlockungen der kommerziellen Art weitgehend verschlossene Mann mit der unpraktischen Haarmatte, hat sich für diese neuen Songs keineswegs eines Besseren besonnen. Angesichts speziell in Deutschland heftig umjubelter Performances, bei denen nicht nur regelmäßig Mikrofonständer, sondern auch nicht ganz bundreine, mit Gaffa-Band zusammengehaltene Gitarren fliegen, Saiten reißen oder die Nerven des Publikums weggeworfen werden, erfolgte in den 14 neuen Stücken auf gar keinen Fall eine Mäßigung der Gangart.

Frust und Frost

Im Vorjahr wurde die Band vom Trio zum Quartett aufgestockt. Umso heftiger kommen die neuen Batteries-Lieder wie The Freezer Is On Fire, Tell The People I'm In Bed With Fever oder das auf die britischen Kollegen Arctic Monkeys anspielende Whatever People Say I Am, I Am krachend über ihre prekäre junge Zielgruppe. Die Kurzbotschaft lautet trotz heftiger Mitteilungswut: "Nein!" Wir alle leiden, vor allem die Lautsprecherboxen. Man möchte deshalb begeistert grinsen. Leider aber gibt es in dieser Welt nur noch selten etwas zu lachen.

Das hat mit historischen Vorbildern wie den erwähnten Nirvana, mit der brutal verzerrten und rückkoppelnden Melodienseligkeit und zur Schau gestellten Slacker-Schlaffheit von Dinosaur Jr., den Lemonheads, Pavement an sehr schlechten Tagen alles wie nichts zu tun. Auch die waghalsig gestimmten Noise-Gitarren der Genre-Vorväter Sonic Youth standen Pate. Was von den Killed By 9 Volt Batteries aber nicht einmal ansatzweise verhandelt wird, ist das verbindliche Gefühl einer Nostalgie angesichts früherer besserer Zeiten. Der dargebotene Furor, dieser allmächtige Frust klingt so authentisch und frisch, wie es in einem mit pathetischer Aufladung und Verliererromantik reichlich gesegneten Genre nur möglich scheint.

Acting Moderate, einer der wildesten Songs von Escape Plans Make It Hard To Wait For Success, kündet vom genauen Gegenteil. Wobei dank einer beherzt steirischen Hervorbrüllung englischer Texte "Frust" und "Frost" nicht mehr unterscheidbar sind - aber einen ähnlichen Sinn ergeben. Leute, wir müssen uns warm anziehen.

Das schönste Bild, das man sich von den Killed By 9 Volt Batteries machen kann, ist auf Youtube.com zu bestaunen. Ein altes Video namens How To Mute Ourselves zeigt die Band im Laderaum ihres alten und viel zu kleinen Tourbusses gekrümmt über ihren Instrumenten wütend durch die öde heimische Pampa rasend. Aufbruch, Stillstand, Enge - und versuchter Befreiungsschlag. Hier kommt alles zusammen, was das mit großer Leichtigkeit fortgeworfene Talent dieser vier Mittzwanziger ausmacht. Die überzeugendste heimische Band der vergangenen Jahre. Zurzeit, für immer, bis auf weiteres auf Österreichtournee. Das Album der Batteries ist bei Siluh Records erschienen. Vertrieb: Hoanzl. (Christian Schachinger / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.10.2008)

  • Haupthaarträger Wolfgang Möstl (links) und seine Killed By 9 Volt Batteries aus der Steiermark: die derzeit beste und wildeste Band des Landes.
    foto: siluh records

    Haupthaarträger Wolfgang Möstl (links) und seine Killed By 9 Volt Batteries aus der Steiermark: die derzeit beste und wildeste Band des Landes.

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