Die Verletzlichkeit des tanzenden Menschen

1. Oktober 2008, 18:09
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Joachim Schlömer, der neue Intendant des Festspielhauses St. Pölten, im Gespräch

St.Pölten - Ursprünglich wollte er Architekt werden. Doch während des Studiums entdeckte Joachim Schlömer den Tanz für sich und ging an die renommierte Folkwang-Schule in Essen. Heute versteht er sich als Crossover-Künstler zwischen den Genres Tanz, Musiktheater, Schauspiel und Performance. Schlömers Werdegang führte ihn an diverse Opernhäuser und Theater (etwa Wien, Brüssel, Stuttgart, Lissabon). Er gründete mehrere Compagnien, zuletzt das Ensemble pvc, das in Freiburg und Heidelberg beheimatet ist. Seine "Irrfahrten" -Trilogie bei den Salzburger Festspielen im Mozartjahr 2006 war eine wilde Collage aus kurzen Stücken, Fragmenten und Kuckucksarien des Jubilars. Wie viele seiner Projekte stieß auch diese sehr eigenwillige Mozart-Tanz-Theater-Mischung auf geteiltes Echo.

Im Standard-Gespräch räumt Schlömer (46) selbstkritisch ein, dass er des öfteren Dinge szenisch verkompliziert. Aber durch den manchmal arg privatistischen Ideenfundus werde er selbst sichtbar in bzw. hinter den Projekten, in aller Verletzlichkeit und Fragilität. Überhaupt ist für ihn der Mensch als Individuum auf der Bühne mit seiner Sehnsucht nach Erlösung das Wichtigste und Wertvollste.

Bisweilen durchaus drastisch wird diese Sinnsuche dargestellt, doch nie, nur um zu provozieren. Schlömer glaubt an energetische Kulminationspunkte, wo Dinge (nicht nur szenisch) zusammenlaufen. Über allem aber steht für Schlömer der Wunsch nach Freiheit und er versucht, eine größtmögliche Freiheit für sich und die jeweils mit ihm arbeitenden Künstler zu realisieren - was bedeutet, dass Tänzer, Sänger, Schauspieler auch eigene Ideen vor und während der Proben einbringen können. Einzelne Bilder und dramaturgische Entwicklungen stehen oft erst zur Premiere fest, fast bis zur Premiere wird geprobt und probiert.

Wichtig ist ihm der Nachwuchs. Er möchte junge Menschen fördern, ihnen ein Körperbewusstsein vermitteln, allerdings ohne dabei in die Kitschfalle zu tappen. Simon Rattles und Royston Maldooms Strawinsky-Projekt Rhythm is it lehnt er ab, solche Musik-"Vertanzungen" führten direkt in die Banalität. Tanz sei eben mehr als bloßes Rhythmusgefühl, hinzukommen müsse die individuelle Förderung der tänzerischen Persönlichkeit.

Wie sieht der immer noch aktive Tänzer Schlömer die Lage des Tanzes in Europa? Schwierig sei vor allem die finanzielle Situation, viele Häuser würden nur noch kleinere Gruppen einladen, die Umsetzung einer aufwändigen Choreographie stosse rasch an Grenzen. Die Dynamik des "immer weniger und immer kleiner" schade dem ganzen System. Nur ein paar wichtige größere Gruppen gebe es noch, für Experimente sei immer weniger Geld und Interesse vorhanden.

In St. Pölten möchte Schlömer das Experimentelle stärken, etwa in einem großen Tanzlabor mit Künstlern aus verschiedensten Sparten zusammenarbeiten. Es wird Workshops vor allem für jüngere Menschen geben, ebenso Vorträge und Festivals. Mehrere Orchester und Tanzcompagnien werden immer wieder kommen, um mit dem Publikum in den nächsten drei Spielzeiten einen gemeinsamen Weg gehen. Dem eher elitären Image des Festspielhauses will er durch Offenheit und ohne Scheuklappen begegnen, neben der Avantgarde soll es auch klassisches Ballett und Gesellschaftstanz geben. Viel Arbeit liege vor ihm, weiß Schlömer und hofft, dass es sich letztlich künstlerisch auszahlt und nicht nur Wiener Kulturbürger sein Festspielhaus frequentiert.

Einen ersten Eindruck über Schlömers Arbeitsweise kann man sich ab 3. Oktober bei seiner vor kurzem in Luzern erstmals gezeigten "Entführung aus dem Serail" machen. Das harmonieselige Deutsche Singspiel verwandelt sich im Laufe des Abends in einen bisweilen psychedelischen Horror-Trip mit Fesselspielen und Waterboarding. Mal sehen, ob es die Mozartfangemeinde goutiert... (Jörn Florian Fuchs / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.10.2008)

  • Artikelbild
    foto: festspielhaus st. pölten
  • Joachim Schlömer: Elitärem Festspielhaus-Image mit Offenheit begegnen. 
    foto: festspielhaus st. pölten

    Joachim Schlömer: Elitärem Festspielhaus-Image mit Offenheit begegnen. 

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