An den Rändern des Schweigens

1. Oktober 2008, 18:00
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In ihren Romanen – "Die Züchtigung", "Ausgrenzung" oder zuletzt "Zwei Leben und ein Tag" – wagt sich Anna Mitgutsch vor an die Grenzen der Existenz

Linz - "Dort, wo die Sprache endet, wo das Schweigen beginnt, glaubt die Literatur Erkenntnis zu gewinnen" - schreibt Anna Mitgutsch in dem Essay Die Faszination des Unsagbaren, abgedruckt in den Grazer Poetik Vorlesungen 1999 - "in der Kühnheit, im Noch-nicht-Gedachten und -Gesagten, das aus den Grenzbereichen gewonnen wird, wohin die Konventionen des Denkens und der Sprache nicht reichen."

Jeder der acht Romane, die sie seit 1985 veröffentlichte, tastet sich vor in jene Grenzbezirke an den Rändern der Sprache, in Bereiche, vor denen die Wahrnehmung zurückscheut: in die Abgründe der Trauer und der Gewalt im sogenannten "Zusammenleben" der Menschen.

Das dichte Geflecht von Abhängigkeit, Missbrauch und unerlösten (Vor-)Formen der Liebe zeigte Anna Mitgutsch schon in ihrem ersten Roman: Die Züchtigung ist eine genaue Studie einer zerstörerischen Mutter-Tochter-Beziehung. Die körperlichen und seelischen Grausamkeiten, mit denen die Mutter die Kindheit ihrer Tochter in eine jahrelange Kerkerhaft verwandelt, ereignen sich in der klaustrophoben Enge des familiären "Heims" .

Die Außenwelt schließt vor diesem verborgenen Leid die Augen, ebenso ängstlich wie vor dem Verborgenen in sich selbst. Die Scheu vor dem Blick hinter den Vorhang - und die damit verbundene Ablehnung des bedrohlichen Anderen - ist ein Thema, das Anna Mitgutsch bis heute nicht loslässt.

"Ich liebe alle, die es wagen, tief zu tauchen" : In ihrem jüngsten Roman Zwei Leben und ein Tag zitiert sie Herman Melville, dessen Weg Anna Mitgutsch in biografischen Skizzen den drei Protagonisten des Romans zur Seite stellt. Auch er führt ein Leben außerhalb der von der Gesellschaft schützend abgesteckten Normen. Allein mit seiner Weise, die Welt zu sehen.

Dass er diese Einsamkeit bei genauerer Betrachtung mit der gesamten Menschheit teilt, ist eine der Erkenntnisse, die die Lektüre von Anna Mitgutschs Büchern vermittelt - wie auch jene, dass die Mehrheit von uns den bequemeren Weg wählt, durch Gruppenbildung den Anschein einer Gemeinsamkeit herstellt und jene ausgrenzt, die sich in Gruppen nicht fügen. Wollen. Oder können.

Wie Hermann Melville. Oder Jakob, jenes Kind aus Mitgutschs drittem Roman Ausgrenzung (1989), das in seinem Verhalten anders ist als die meisten anderen Kinder. Und dessen Besonderheit von den Ärzten nach flüchtigem Blick als "Autismus" und alsozur Krankheit erklärt wird statt zu einer Bereicherung.

Das Wort - eine Abkürzung

"Wie leicht es war, Fachausdrücke für ihn zu finden, wie unmöglich, ihn zu verstehen" , heißt es dazu in Ausgrenzung lakonisch. Die Zeit, die es brauchte, um den Anderen Aufmerksamkeit zu schenken, wird abgekürzt auf ein Wort, auf die Formel einer Diagnose. Auch Gabriel, einer der Protagonisten aus Zwei Leben und ein Tag, Gabriel, der ein älterer Bruder Jakobs sein könnte, erfährt eine solche Ausgrenzung. Eine Umgebung, die sich - mit mehr Begabung zur Offenheit für den Anderen - an der freundlichen Gewaltlosigkeit seines Wesens erfreuen könnte, stempelt ihn als behindert ab.

Die Gesellschaft beraubt sich damit der Möglichkeit einer Schönheit:indem der anderen Sicht "in der Welt keine Berechtigung zugestanden wird. Sie wird sofort entsorgt als irrelevant. Wer psychisch krank ist, hat ja nichts zu sagen zur Realität. Der kann nichts infrage stellen. Denn er ist ja die Abweichung" , wie Anna Mitgutsch vor einem Jahr im Standard-Interview sagte. Wie, wenn wir uns als Behinderte betrachteten? Und jene, die gemeinhin so bezeichnet werden, als mit einem Wissen begabt, das sich uns durch Aufmerksamkeit vielleicht erschlösse?

Möglicherweise ist es das Fehlen dieses Blicks, das ein Zusammenleben so sehr erschwert. "Es war nicht die Hölle, es war nur das Gegenteil von Glück" heißt es in Zwei Leben und ein Tag schlicht über eine Ehe, in der das Erlöschen des Begehrens die vorhandenen Konflikte bloßlegt.

Wider die Einengung

Anna Mitgutschs Schreiben ist ein Widerspruch gegen die Einengung. Eine Einengung, der sie sich auch selbst entzog. Geboren 1948 in Linz, studierte sie Anglistik und Germanistik in Salzburg, promovierte über den englischen Lyriker Ted Hughes, bevor sie in die USA ging, wo sie jahrelang an verschiedenen Universitäten lehrte.

Ihre intensive Auseinandersetzung mit Fragen der Religion bewog sie nach Jahren der Vorbereitung, zum jüdischen Glauben überzutreten - auch hier die Seite der Minderheit wählend. Ein Schritt, der in ihrem Werk beeindruckende Spuren hinterließ. Ob in Abschied von Jerusalem (1995), in Haus der Kindheit (2000) oder in Familienfest (2003) - die Erfahrungen der Fremdheit, der Gefahr der Ausgrenzung finden in dem Aufeinandertreffen der Religionen, der Kulturen eine tiefblickende Variation.

Chaim Nachman Bialik, einen hebräischen Lyriker, zitiert sie auch in ihrem erwähnten Essay Die Faszination des Unsagbaren. Denn die öffnende Kraft der Sprache ist untrennbar verbunden mit ihrem Gegenteil, mit der Macht, zu verhüllen: "Die gefährlichsten Augenblicke in der Sprache wie im Leben" schreibt Bialik, "bedrohen uns zwischen Verhüllung und Verhüllung, wenn das Chaos aufblitzt. (...) Nichts - nichts spreche dein Mund. Wenn der Mensch dennoch zum Wort gekommen ist, das ihm Selbstsicherheit gibt, so nur aus seiner großen Angst heraus, auch nur einen einzigen Augenblick vor jenem dunklen Chaos zu stehen, ungeschützt vor jenem Nichts. Denn kein Mensch wird leben, der mich sieht, spricht das Chaos, und jedes Wort, jeder Ausdruck verhüllt einen Bruchteil des Nichts, verbirgt in seiner Schale einen dunklen Tropfen der ewig unlösbaren Frage. Kein Wort kann eine Frage jemals lösen, nur verhüllen kann es sie."

Anna Mitgutschs Geschenk an ihre Leser ist es, die schmale Lücke zwischen Verhüllung und dem Aufblitzen der Erkenntnis im Chaos zu kennen - und immer wieder das Wagnis einzugehen, tief zu tauchen. Wofür nicht nur Herman Melville sie liebt. (Cornelia Niedermeier / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.10.2008)

  • Anna Mitgutsch: Die schmale Lücke der Erkenntnis inmitten des Chaos sichtbar zu machen, ist das Geschenk der Schriftstellerin an ihre Leser.
    foto: peter von felbert

    Anna Mitgutsch: Die schmale Lücke der Erkenntnis inmitten des Chaos sichtbar zu machen, ist das Geschenk der Schriftstellerin an ihre Leser.

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