Interview: "Einen Teil der Geschäfte verbieten"

1. Oktober 2008, 17:54
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Ferdinand Lacina plädiert für eine zentrale europäische Aufsichtsbehörde für Banken, die Finanzkrise sieht er auch in der Gier nach Geld begründet

Ferdinand Lacina plädiert für eine zentrale europäische Aufsichtsbehörde für Banken, die Finanzkrise sieht er auch in der Gier nach Geld begründet. Gefragt hat ihn Renate Graber.

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STANDARD: Notenbanken und Staaten stecken Milliarden in Bankrettungen. Tun sie das Richtige?

Lacina: Ja, der Vertrauensverlust ist derzeit so groß, dass er nur durch Eingriffe von Notenbanken und Staaten einigermaßen unter Kontrolle gebracht werden kann. Auch wenn man nicht weiß, ob man mit dem Auffangen nicht wieder den "moral hazard", die Risikoneigung der nächstenGeneration, beflügelt.

Aber wenn alle hypernervös sind, dann muss der Staat beruhigen. Wobei das Notoperationen sind, deren Nebenwirkungen, etwa Inflationsdruck, schwer abzuschätzen sind. Aber die positive Wirkung des Medikaments ist größer als dessen Nebenwirkungen.

STANDARD: Die EU will nun eine zentrale europäische Aufsicht. Klug?

Lacina: Ja. Wir haben europaweit tätige Banken, also sind einheitliche Regeln und Aufsicht wichtig. Österreichs Finanzministerium und einige Banken waren massiv gegen eine zentrale Aufsicht, aber es führt kein Weg daran vorbei.

STANDARD: Sind Sie auch für einen Europa-Fonds mit 300 Mrd.Euro, als Rettungsschirm für Banken?

Lacina: Alles ist gut, was zum Wiederaufbau des Vertrauens führt, und zwar bevor die Leute an den Schaltern Schlange stehen. Ein europäischer Solidarfonds, auf den man schnell zugreifen kann, wäre vernünftig.

STANDARD: Sollen die Banken künftig mehr Eigenkapital halten?

Lacina:  Mittelfristig schon. In der ungeheuren Gier nach Rentabilität, Größe, Quartalsergebnissen ist eine große Desorientierung eingetreten. Die Großzusammenschlüsse haben bewirkt, dass die Eigenkapitaldecke knapper wurde. Da wäre eine Verlangsamung gut. Viel wichtiger ist es aber, einen Teil der Geschäfte zu verbieten.

Die verbrieften Kredite etwa, bei denen man nicht mehr weiß, wer eigentlich der Schuldner ist. Der Druck war auch so groß, weil ein immer größerer Teil der Managergehälter auf Optionen abstellt - die Gier nach Geld ist das Problem. Die Vorstände sind in einer Koalition mit den Aktionären gelandet, die möglichst schnell Geld machen wollen. Nur wenige sind am langfristigen Bestand des Unternehmens interessiert. Heute verdienen Manager oft in drei Jahren das Lebenseinkommen ihrer Vorgänger.

STANDARD: Das ist aber in demHaus, für das Sie arbeiten, auch so. Ist der Kapitalismus bankrott?

Lacina: Bis zu einem gewissen Grad gilt das für alle Unternehmen, nicht nur für Banken. Und, in Abwandlung Churchills: Der Kapitalismus ist ein scheußliches System, wir haben nur noch kein besseres gefunden. Bankrott ist eher der Neoliberalismus: Es ist falsch zu glauben, man müsse nur eine Fessel nach der anderen entfernen, dann regulieren sich die Märkte selbst, die Illusion hat sich als Unsinn herausgestellt. Jetzt rufen alle nach dem Staat. Der Preis dieser Einsicht ist aber sehr hoch.

STANDARD: Sind Sie beunruhigt? Auch BA-Mutter UniCredit ist in Turbulenzen.

Lacina: Es gilt wohl für die gesamte Finanzwelt: Man wünscht sich weniger spannende Zeiten. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.10.2008)

Zur Person

Ferdinand Lacina (65) war SP-Finanzminister, GiroCredit-Chef. Er berät die Bank Austria. F.: Cremer

  • Ferdinand Lacina
    foto: standard/matthias cremer

    Ferdinand Lacina

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