Apple droht iTunes zuzusperren

1. Oktober 2008, 17:29
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Die Musikindustrie gibt, die Musikindustrie nimmt: Während Urheberrechtsabgaben für Webradios sinken sollen, sollen Abgaben für Online-Musik um zwei Drittel steigen

19 Jahre nach der Patentierung des vom Fraunhofer Institut entwickelten MP3-Musikformats, neun Jahre nachdem die ersten MP3-Player auf den Markt kamen und die Musikbörse Napster aus einem Studentenheim im Internet freigesetzt wurde, und fünf Jahre nach Eröffnung des Apple iTunes Store tut sich die Musikindustrie noch immer schwer, mit der neuen Weltordnung zurechtzukommen.

Entwicklungen

Dies zeigen zwei völlig konträre Entwicklungen dieser Tage: Das US-Parlament hat ein Gesetz verabschiedet, das Urheberrechtsabgaben für Internetradio in den USA drastisch sinken lassen wird. Bisher hat die Musikindustrie, wie bei terrestrischem Radio, technische Reichweite (Zahl der maximal möglichen Empfänger) als Basis für Lizenzgebühren herangezogen - das bedeutet bei Webradios ein weltweites Publikum, unabhängig von der tatsächlichen Zuhörerzahl.

Nischenexistenz

Das erstaunliche an dem neuen Gesetz, das noch von US-Präsident George W. Bush unterzeichnet werden muss: Sowohl die Vertreter von Webradios als auch der RIAA (Recording Industry Association of America) stehen dahinter. Damit könnte Internetradio, zumindest in den USA, aus seiner Nischenexistenz heraustreten.

Konträr zu diesem Kompromiss hingegen: die saftige Anhebung von Lizenzgebühren für Online-Musik, die von Musikverlagen beantragt wurde. Heute, Donnerstag, entscheidet das Copyright Royalty Board - ein dreiköpfiges Richtergremium zur Festlegung von Urheberrechtsabgaben - über die von den US-Musikverlegern beantragte Erhöhung um satte 66 Prozent, von neun auf 15 Cent pro verkauftem Titel.

„Müssten wir diese Lizenzerhöhung schlucken, würde dies bedeuten, dass der Store wahrscheinlich Verluste macht. Das ist für uns keine Alternative"

Die höhere Abgabe würde für alle US-Onlinemusik gelten, wobei Apples iTunes Store mit 85 Prozent Marktanteil (2,4 Mrd. verkaufte Titel im heurigen Jahr) der bei weitem größte Onlinehändler ist. Apple hat im Vorfeld der Entscheidung mit drastischen Konsequenzen gedroht: Dies könnte das Ende des iTunes Store bedeuten, erklärte Eddy Cue, für iTunes zuständiger Apple-Vizepräsident, in einer Stellungnahme für das Royalty Board. „Müssten wir diese Lizenzerhöhung schlucken, würde dies bedeuten, dass der Store wahrscheinlich Verluste macht. Das ist für uns keine Alternative", erklärte Cue laut einem Bericht des Wirtschaftsmagazins Fortune. „Wir sind sicher, dass hingegen eine Erhöhung der Konsumentenpreise zu einem substanziellen Rückgang der Verkäufe führen wird."

99 Cent

Einzeltitel werden im iTunes Store meist um 99 Cent verkauft, 70 Cent davon gehen an die Plattenlabels, die davon wiederum neun Cent an die Verleger abliefern. Unmittelbar haben die US-Entscheidungen keine Auswirkung auf Musikverkäufe in Europa. Aber da Internet kaum Grenzen kennt, dürfte sich das Angebot an Webradio-Stationen erhöhen - hingegen das Angebot an Musik-Downloads abnehmen. (spu, DER STANDARD Printausgabe, 2. Oktober 2008)

 

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