Selbstverständlich transnational

1. Oktober 2008, 17:37
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Flüchtlinge seien meist besser ausgebildet und geübter in globalem Denken als der Durchschnitt - dieses Potenzial sollte man nutzen, meint Studienautor Herbert Langthaler im Interview

Selbst meist Leidtragende antidemokratischer Verhältnisse, könnten Flüchtlinge viel zur Demokratisierung der EU beitragen, ist Herbert Langthaler, Autor der Studie "Zivilgesellschaftliche und politische Partizipation von Flüchtlingen und AsylwerberInnen in der EU", überzeugt. Dieses Potenzial werde zu wenig genutzt. Wie Österreichs Zugewanderte sich selbst organisieren und warum Flüchtlinge in Österreich weniger protestfreudig sind als in Frankreich, erklärt Langthaler im Gespräch mit Maria Sterkl.

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derStandard.at: Europa lasse das Potenzial der Flüchtlinge ungenutzt, schreiben Sie in Ihrer Studie (siehe Wissen). Welche Potenzial meinen Sie?

Langthaler: Flüchtlinge sind meistens politisch sehr engagierte Menschen mit ziemlich hoher Bildung, und da Flüchtlinge eines Herkunftslandes auf verschiedene Länder verteilt leben, sind sie meist transnational vernetzt. Flüchtlinge haben auch nicht das Problem, dass sie auf nationalstaatlichen Dingen kleben bleiben – im Gegenteil: Auf ganz selbstverständliche Art denken und handeln sie transnational. Dadurch bieten sie enorme Potenziale für Demokratisierungsprozesse in der EU.

derStandard.at: Kennen Sie Beispiele?

Langthaler: Noch während unserer Arbeit hat sich ERAD, ein Netzwerk europäischer Flüchtlingscommunity-Organisationen, gegründet. Sie sind dabei, in der EU einen Organisationsprozess voran zu treiben. Wir sehen aber, dass es eine Lücke zwischen EU und der lokalen Ebene gibt. Auf EU-Ebene ist es von offizieller Seite durchaus gewünscht, dass es eine Vertretung gibt. Und auf lokaler Ebene gibt es auch verschiedene Modelle, wo Flüchtlinge sehr aktiv sind – sei es bei der Wiener Integrationsskonferenz oder beim MigrantInnenbeirat in Graz. Aber auf nationaler Ebene gibt es nichts.

derStandard.at: Wozu braucht es überhaupt nationale Flüchtlingsorganisationen? Reichen die lokalen nicht aus?

Langthaler: Nationale Organisationen wären wichtig, weil sie ein großes Integrationspotenzial bergen. Man sieht, dass diese Communities sehr viel Arbeit machen, die ergänzend zu bereits existierenden staatlichen oder NGO-Strukturen wirkt. Ein Beispiel ist der muttersprachliche Unterricht. Der wird so gut wie gar nicht gefördert, aber unter den Flüchtlingen gibt es ja sehr viele Lehrer und Lehrerinnen, zum Beispiel aus Afghanistan, wo fast alle Lehrer und vor allem Lehrerinnen geflüchtet sind. Das ist ein Potenzial, das überhaupt nicht genützt wird. In den nationalen Vereinen könnten die Flüchtlinge Kompetenzen erwerben, die sie anderswo einsetzen können. Zum Beispiel in der Sozialarbeit, wo Menschen, die gewisse Sprach- und Kulturkompetenzen haben, die eigenen Landsleute betreuen. Sie haben dort meist einen ganz anderen Stand als SozialarbeiterInnen aus der Mehrheitsgesellschaft.

derStandard.at: Sie haben Flüchtlingsorganisationen in Österreich, der Tschechischen Republik und Frankreich untersucht. Was sind die groben Unterschiede?

Langthaler:  Man sieht, dass die Flüchtlingsorganisationen sich ziemlich stark der politischen Kultur jenes Landes anpassen, in dem sie sind. Zum Beispiel ist die Protestkultur in Frankreich sehr weit entwickelt – und dementsprechend sind auch die Flüchtlingsorganisationen stärker protestorientiert als in Österreich. Man sieht auch, dass Flüchtlinge in Frankreich weniger stark einer rassistischen Konstruktion ausgesetzt sind als in Österreich. Die Rechte baut ihre Propaganda eher auf den Problemen in den Vororten auf als auf "Asylbetrug ist Heimatflug" (FPÖ-Plakatkampagne des letzten Wahlkampfs, Anm.).

derStandard.at: Die österreichischen Tradition der Sozialpartnerschaft wirkt also auch auf die Protestneigung der Zugewanderten?

Langthaler: Auf jeden Fall. Das haben uns auch alle befragten Flüchtlinge bestätigt: Sie versuchen es eher mit Gesprächen, mit Petitionen, als mit Protesten. Sie glauben, dass man in Österreich mit Protestaktionen wenig erreicht.

derStandard.at:  Wie stark sind Flüchtlinge in Österreich selbstorganisiert - wie viele Vereine gibt es, in welchen Flüchtlinge sich selbst vertreten?

Langthaler: Viele. Und es ist interessant, dass alle diese Vereine als Kulturvereine firmieren, da es über die kulturelle Schiene wohl noch am leichtesten ist, Förderungen zu lukrieren. Wenn man es böse formuliert, könnte man auch sagen, dass diese folkloristische Ebene unverdächtiger erscheint als Aktivitäten im Integrationsbereich.

derStandard.at: Inwieweit werden sie tatsächlich öffentlich gefördert?

Langthaler: Für bestimmte Feste oder Projekte kann man ansuchen, die bekommt man dann vielleicht mit 3000 Euro gefördert. Grundsubventionen kriegt aber sowieso überhaupt keiner dieser Vereine, sie befinden sich in ziemlich prekären Situationen. Vieles hängt von einzelnen Menschen ab. Die Gesellschaft Unabhängiger Iranischer Frauen in Österreich (GIF) organisiert zum Beispiel Farsi-Sprachkurse, die nicht gefördert werden. Da haben sie halt eine wohlhabende Familie, die Geld hergibt. Und wenn die wegbricht, dann ist der ganze Kurs weg.

derStandard.at: Welche transnationalen Flüchtlingsorganisationen gibt es in Europa?

Langthaler: Neben ERAD gibt es zum Beispiel einen Verein afghanischer Organisationen in Europa, die sich immer wieder treffen und europaweit auch mobilisieren. Als der Hamburger Innensenator (Udo Nagel, Anm.) im Jahr 2005 in Kabul war und festgestellt hat, dass da eh alles ganz sicher ist und man die Afghanen aus der EU eigentlich locker wieder zurückschicken kann, da haben zum Beispiel Afghanen aus ganz Europa in Hamburg gegen diese Abschiebungen demonstriert. Man sieht, es gibt Potenzial, aber es wird auch von den NGOs zu wenig genützt.

derStandard.at: Ihre Studie hat ergeben, dass sich Flüchtlingsvereine in Österreich eher für Antidiskriminierung einsetzen als für eine Änderung des Rechtssystems. Warum?

Langthaler:  Die asylpolitische Ebene ist eine sehr "ver-rechtlichte" – da geht es immer um Gesetze, um die Auslegung von Rechtstexten, um Erkenntnisse von Höchstgerichten. Das hat etwas Hermetisches – da ist es ganz schwierig für Vereine, hier hereinzukommen.

derStandard.at: Kann es sein, dass österreichische NGOs hier die Platzhirsche sind, die Flüchtlingsvereine verdrängen und gar nicht erst heranlassen, wenn es um Lobbyingarbeit geht?

Langthaler: Es gibt natürlich eine mögliche Konkurrenzsituation. Ich würde aber eher sagen, die NGOs nehmen gar nicht wahr, dass es da noch etwas gibt. Das betrifft vor allem die Betreuungsebene, wo man durchaus mehr mit Flüchtlingsvereinen zusammenarbeiten könnte. Was das reine Lobbying betrifft – da geht es ja um tatsächlich schwierige, unzugängliche Inhalte.

derStandard.at: Nach dem Wahlsieg des dritten Lagers – wie wird sich Österreichs Asylpolitik entwickeln? Geht's noch restriktiver?

Langthaler:  Noch restriktiver geht es heute nicht mehr. Vor 2005 gab es da und dort noch Möglichkeiten, aber jetzt....Die Anerkennungsquoten sind zwar ziemlich hoch. Aber es geht um die vielen, die gar nicht erst zum Asylverfahren zugelassen werden, weil ein anderes Land, wo sie zufällig aufgegriffen wurden, für sie zuständig ist. Ein Beispiel: Einem kurdischen Flüchtling aus dem Irak gelang in den Siebzigerjahren die Flucht in die Niederlande. Als er dort ankam, war Königinnengeburtstag, auf der Straße jede Menge Betrunkene und Eingerauchte, schwule Männer, die Hand in Hand gingen – er war zutiefst schockiert (lacht). Also sagten ihm die Kollegen: "Weißt du was, geh nach Österreich. Da sind sie ein bisschen konservativer." Das hat er dann auch gemacht und lebt jetzt glücklich hier. Heute geht das nicht mehr – weil man sich nicht mehr aussuchen kann, was das Zielland ist. Das hat unter anderem die Folge, dass viele gar nicht mehr um Asyl ansuchen, sondern versuchen, sich anders durchzulschlagen und völlig illegal dort zu bleiben, wo sie sind. (derStandard.at, 1.10.2008)

Zur Person

Herbert Langthaler ist Ethnologe und Mitarbeiter der asylkoordination. Gemeinsam mit Karin Sohler, Helene Trauner und Selma Muhič-Dizdarevič hat er die politische Partizipation von Flüchtlingen in drei EU-Ländern untersucht.

Wissen: Die Studie

Die Vergleichsstudie "Zivilgesellschaftliche und politische Partizipation von Flüchtlingen und AsylwerberInnen in der EU" hat anhand von vier Fallstudien (Österreich, Frankreich, Tschechische Republik, EU-Ebene) untersucht, wie Flüchtlinge und Flüchtlingssorganisationen politische Prozesse in der EU mitgestalten können. Die Studie wurde vom Wissenschaftsministerium im Rahmen des EU-Programms "New orientations for democracy in europe" gefördert und wird im Rahmen einer Konferenz zum gleichen Thema in Wien von 2. bis 4. Oktober in Wien präsentiert. Konferenzprogramm und Synthese der Studie sind hier abrufbar

  • "Flüchtlinge haben nicht das Problem, dass sie auf nationalstaatlichen Dingen kleben bleiben": Langthaler
    Foto: privat

    "Flüchtlinge haben nicht das Problem, dass sie auf nationalstaatlichen Dingen kleben bleiben": Langthaler

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