Ansichtssache: "Feministischer Ansatz braucht hohe Frustrationstoleranz"

1. Oktober 2008, 13:06
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Die PreisträgerInnen des Right Livelihood Awards im Porträt: Amy Goodman steht für "Democracy Now!", das Ehepaar Jagannathan für gandhische Vision, Asha Hagi ist Garantin für weibliche Friedensarbeit und Monika Hauser hofft auf praktischen Nutzen der Auszeichnung

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Foto: APA/EPA/Oliver Berg

Alltagselend vergewaltigter Frauen

Als sie die Nachricht von der Verleihung des Alternativen Nobelpreises erhielt, hat die Kölner Ärztin Monika Hauser am Mittwoch nicht nur gejubelt: "Ich sage ganz ehrlich, der Preis hat auch zwiespältige Gefühle ausgelöst." Zu groß ist nach Ansicht der 49-jährigen Gründerin der Hilfsorganisation medica mondiale der Abstand zwischen Lob und Sonntagsreden bei Preisverleihungen auf der einen Seite - und dem Desinteresse von PolitikerInnen und Öffentlichkeit gegenüber dem Alltagselend vergewaltigter Frauen in Kriegsländern auf der anderen.

Bewusst eingesetzte Kriegsstrategie

Seit 15 Jahren organisiert Hauser Hilfe für vergewaltigte Frauen in Kriegs- und Krisengebieten. Zuerst in Bosnien, danach mit der von ihr gegründeten Organisation medico mondiale auch in Ländern wie Afghanistan, dem Kongo, Liberia und Israel.

Die in der Schweiz geborene Südtirolerin mit italienischem Pass las 1992 von gezielten Massenvergewaltigungen in Bosnien als bewusst eingesetzte Kriegsstrategie. Ein Jahr später begann sie in der bosnischen Stadt Zenica mit dem Aufbau eines Therapiezentrums. "Mich haben damals die Medienberichte mit ihren teils genauen Details über die Art der Vergewaltigungen sehr wütend gemacht. Ich wollte diesen Frauen ganz konkret helfen", sagte die Mutter des zwölfjährigen Luca später über den Start zu ihrer Arbeit.

Ausgezeichnet

Hauser wurde schnell bekannt und erhielt auch schnell viele Preise. 1993 kürten die ARD-Tagesthemen sie zur "Frau des Jahres", später auch zur "Frau des Jahres in Europa", 1994 bekam sie den "Gustav-Heinemann-Bürgerpreis". Als der damalige Bundespräsident Roman Herzog ihr 1996 das Bundesverdienstkreuz verleihen wollte, lehnte die Ärztin ab. Sie protestiere damit gegen den Beschluss der Innenminister, bosnische Flüchtlinge notfalls mit Gewalt in ihre Heimat zurückzuführen.

Feministische Arbeit im Kreuzfeuer

Auch zehn Jahre später, nach der Vergabe des Alternativen Nobelpreises hat die Medizinerin nichts von ihrer streitbaren Grundhaltung verloren. Sexualisierte Kriegsgewalt gegen Frauen hält sie nicht nur für ein Problem in fernen Ländern und fremden Kulturen. Auch deutsche und EU-PolitikerInnen zeigten "nicht unbedingt gesteigertes Interesse", wenn es um Frauen als Kriegsopfer gehe. Hauser prangert deutsche Soldaten im Auslandseinsatz an, wenn sie in den jeweiligen Ländern Zwangsprostituierte aufsuchen. "Man muss mit schon eine hohe Frustrationstoleranz haben, wenn man mit einem feministischen Ansatz arbeitet", meinte sie über die Reaktionen.

Anerkennung

Aber die Auszeichnung aus Schweden sei auch eine "wunderbare Genugtuung" und überdies von praktischem Nutzen: "Wir werden es bei der Arbeit mit traumatisierten Frauen und der Erreichung unser politischen Ziele jetzt etwas einfacher haben, weil man uns zuhören wird."

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