Im Übergang zwischen Labor und Klinik

30. September 2008, 20:11
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Körpereigene Zellen als Stimulans des Immunsystems und als Therapeutikum der Zukunft: In Krems diskutieren Forscher und Mediziner über den Status quo der modernen Zelltherapie

Von übertriebenen, unseriösen Heilsversprechen war die Rede, auch von nicht genehmigten experimentellen Behandlungsstudien: Die sogenannte Zelltherapie ist in jüngster Vergangenheit sowohl durch fragwürdiges ärztliches Handeln als auch durch die darüber erfolgte mediale Berichterstattung massiv in öffentliche Kritik geraten. Nicht zuletzt aus diesem Grund veranstaltet die Donau-Universität Krems diesen Freitag im Audimax der niederösterreichischen Hochschule die ersten "Kremser Zelltherapiegespräche".

Vordergründig dient das wissenschaftliche Symposium freilich dem Austausch der aktuellen Forschungsergebnisse und Erkenntnisse dieser "Therapieform, die derzeit im Übergang zwischen Labor und Klinik steht und die derzeitige Behandlungsphilosophie nachhaltig verändern wird", hofft Martin Imhof, Zellforscher und Gynäkologe am Krankenhaus Korneuburg, Obmann des Vereins zur Förderung der Zelltherapie und einer der Referenten der Veranstaltung.

Speziell für die Indikation Krebs fasst Imhof die derzeitige Therapiephilosophie zu drei Säulen zusammen: Chemotherapie, Chirurgie, Strahlenbehandlung. Reduktionistisch erklärt, gehe es der heutigen Tumormedizin laut Imhof darum, den Krebs so früh wie möglich zu erkennen und ihn dann möglichst restlos zu entfernen. Dies sei laut dem Mediziner jedoch eine Symptombehandlung, die die Ursache für die Tumorentstehung außer Acht lasse: ein defektes Immunsystem. Und genau darauf ziele nun die Zelltherapie, die vierte Säule, die sich etablieren soll.

Erneutes Auftreten von Krebs

"Nehmen wir das Beispiel Eierstockkrebs", erläutert der Gynäkologe: "Selbst wenn ich den Tumor erfolgreich operiere, so muss ich damit rechnen, dass nach acht Monaten bis zwei Jahren der Krebs neuerlich auftritt." Man müsse den Krebs also auch dann therapieren, wenn er nicht mehr existent erscheine - eben über die Stimulation des Immunsystems mittels Zelltherapie. In diesem Fall mit dendritischen Zellen. Diesbezüglich liefen derzeit einige Erfolg versprechende klinische Studien. Für eine davon liefert ein Kremser Biotechunternehmen die Therapeutika - Cell pro Danube.

Dendritische Zellen sind Zellen des Immunsystems und haben Steuerungsfunktion. Über Rezeptoren erkennen sie Keimstrukturen und können die zelluläre Immunantwort beeinflussen, die dann den Tumor bekämpft. Die Therapie mit dendritischen Zellen erfolgt, indem die Zellen außerhalb des Körpers gezüchtet und zurückgeimpft werden und so die Abwehrreaktion des Körpers wieder aktivieren.

Gewonnen werden die Zellen aus Vorläuferzellen aus dem peripheren Blut der Patienten. Aus einer Armvene abgezapft, wird das Blut in einen speziellen Zellseparator geleitet und mittels Zentrifugation aufgetrennt; die mononukleären Zellen werden gesammelt, andere Blutbestandteile werden über eine Vene des anderen Armes zurückgeleitet. Bei einem solchen Vorgang können ausreichend Zellen gewonnen werden, um zwischen drei bis 13 Impfungen herstellen zu können.

Nur als Zusatztherapie

Mit den auf die Art isolierten Zellen ist freilich noch nichts anzufangen, die werden anschließend in Speziallabors wie etwa in jenem des Kremser Lifescience-Unternehmens aufbereitet. Dort werden in vier bis sechs Wochen dendritische Zellen als Impfungen hergestellt und bis zur Verwendung tiefgefroren.

Für die Therapie - nur als Zusatzbehandlung, nicht aber als Ersatz für etablierte Methoden vereinzelt zugelassen - werden die Impfungen in der Nähe eines beim Tumor liegenden Lymphknotens gesetzt. Über diesen sollen die dendritischen Zellen das Immunsystem stimulieren. Die ersten sechs Impfungen werden in wöchentlichen Abständen verabreicht. Nach zwei Monaten folgen weitere. Vorteil dieser Therapie: keine bisher bekannten Nebenwirkungen, da es sich ja um körpereigene Zellen der Patienten handelt.

Diesbezügliche Studienergebnisse, erklärt Imhof, zeigten großes Potenzial. Aber auch in anderen Bereichen liefen bereits vielversprechende klinische Untersuchungen, für einige Indikationen seien Zelltherapien bereits im Zulassungsverfahren.

Am Wiener AKH, wo Imhof bis vor kurzem gearbeitet hat, liefen mit anderen Zellen Studien zur Verbesserung der Durchblutung von Herzkranzgefäßen. In einigen internationalen Zentren teste man Zelltherapien gegen Inkontinenz, und in der Schweiz versuche man, mittels Zelltherapie die Haltbarkeit von implantierten Herzklappen zu verbessern und gleichzeitig die Abstoßungsreaktionen zu reduzieren.

Das größte Problem, das die in dieser Form junge Zelltherapie in Forschung und Klinik habe, sei laut Imhof eine unklare Rechtslage: "Zwar gibt es europäische Richtlinien, doch diese müssen noch für die verschiedenen Zelltypen und Indikationen spezifiziert und von den Ländern schließlich ratifiziert werden. Dazu muss sich auch im Denken der Therapeuten etwas ändern." Da inzwischen aber auch Knochenmarktransplantation bei Leukämie - ebenfalls eine Zelltherapie - etabliert sei, hofft Imhof, dass die vierte Säule in zehn Jahren den klinischen Alltag stützt. (Andreas Feiertag/DER STANDARD, Printausgabe, 1.10.2008)

  • Dendritische Zellen, die Hoffnungsträger einiger Mediziner: Wo die Zelltherapie heute steht, wird nun in Krems diskutiert.

    Dendritische Zellen, die Hoffnungsträger einiger Mediziner: Wo die Zelltherapie heute steht, wird nun in Krems diskutiert.

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