Der "dritte Mann" im serbischen Lokal

30. September 2008, 19:37
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Mordprozess nach Schlägerei und Messerstecherei: Worum es wirklich ging, will keiner sagen

Wien - Was sich in dem serbischen Lokal in der Nacht vom 28. Oktober 2007 zugetragen hat, konnte auch am Dienstag im Wiener Landesgericht nicht lückenlos aufgeklärt werden. Zu unterschiedlich - und allzu unbeständig sind die Aussagen der Beteiligten. Fest steht: Es gab eine Massenschlägerei. Und Novak V. rammte einem Gegner, den sie "Miki" nannten, ein Messer in den Rücken.

Miki starb später im Spital. Nicht am Messerstich direkt. Dem Patienten musste im Zuge der Intensivbehandlung eine Kanüle gesetzt werden - dabei wurde eine Schlagader verletzt, worauf Miki innerlich verblutete. Dies sei kein Behandlungsfehler gewesen, erklärte Gutachter Nikolaus Klupp. Das könne bei einer derart dringlichen Behandlung passieren.

Novak K. war erst 2005 aus Serbien nach Österreich gekommen, er hielt sich mit Schwarzarbeit über Wasser. Einer dieser Gelegenheitsjobs: Er agierte für einen befreundeten Lokalbesitzer als eine Art Leibwächter. Jener soll "Probleme mit Zigeunern" gehabt haben.

Dann der Abend des 28. Oktober 2007. Das Lokal war gut besucht, die Stimmung angeblich gut. Bis Miki zu später Stunde zu seinen Freunden stieß. Novak K. und der Lokalbesitzer sollen gleich mit Miki kurz gestritten haben. Worüber? Das will keiner wissen.

"Miki, die Glatze"

Später, schon nach der Sperrstunde, wollte Miki das Lokal verlassen, um zu telefonieren. Die Eingangstüre war bereits zugesperrt, damit keine neuen Gäste mehr hinein konnten. Novak K. und der Wirt gingen wieder zu ihm, wieder wurde gestritten. Laut Zeugen soll das spätere Opfer gesagt haben: "Ich bin nicht der, den ihr meint - ich bin Miki, die Glatze." Was damit gemeint war, davon will wieder keiner eine Ahnung haben.

Im Zuge des Streits schlug Miki Novak K. mit einem Glas - oder einer Flasche - auf den Kopf. Dann ging es los. Im allgemeinen Getümmel flogen Fäuste und Aschenbecher. Novak K. soll von Miki in die Küche gedrängt worden sein. Einer von Mikis Freunden ging mit und sagt nun aus, dass sich die beiden dort nur gegenüber gestanden seien. Dann sei Miki mit ihm wieder aus der Küche raus gegangen. Da erst sei Novak K. nachgelaufen und habe Miki den Stich zugefügt.

Novak K. wiederum erklärt, Miki habe sich noch in der Küche zur Seite gedreht und dabei unter seine Lederjacke gegriffen. Da habe er geglaubt, sein Kontrahent wolle eine Waffe ziehen und habe mit einem Küchenmesser zugestochen.

Doch es ist bereits die vierte Version, die Novak K. zu Protokoll gibt. Auch der Lokalbesitzer wird wegen Widersprüchlichkeiten vom Richtersenat ermahnt: Er könne wegen Falschaussage auch in Beugehaft genommen werden.

Mikis Freunde wiederum sagen - entgegen der Polizeiprotokolle - jetzt auffallend gleich aus. Sie sollen nicht "irgendeine abgesprochene Aussage präsentieren", mahnt Richterin Lucie Heindl-Koenig.

Nur die Kellnerin erinnerte sich, dass im Zuge der Schlägerei auf einmal "ein dritter Mann" im Lokal erschienen sei. Der wurde auch gefunden - er sitzt wegen eines anderen Deliktes in Haft. Doch auch dieser "dritte Mann" sagt nur, er habe Miki treffen wollen, habe die Schlägerei im Lokal gesehen und dann sei ihm sein Freund verletzt entgegen gekommen. Sonst nichts.

Das Urteil der Geschworenen stand bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch aus. (Roman David-Freihsl,  DER STANDARD Printausgabe, 01.10.2008)

 

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