Melamin aus Untergrundfabriken

30. September 2008, 19:32
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Das in chinesischen Milchprodukten entdeckte gesundheitsschädliche Melamin wurde in illegalen Fabriken erzeugt und in Nordchina flächendeckend verkauft - Mehr als 20 Verdächtige sind in Haft

Peking - Chinas Polizei hat im verheerenden Milchskandal ein Untergrund-netz an Fabriken und Vertriebsstellen aufgedeckt, wo in krimineller Weise Melaminpulver hergestellt und flächendeckend in Nordchinas Provinz Hebei verkauft wurde. Die Aufdeckung der illegalen Fabrik, in der die Industriechemikalie in großen Mengen für Milchzulieferer des Sanlu-Milchkonzerns hergestellt wurde, gelang nach der Verhaftung eines Hauptverdächtigen am 23. September.

Von diesem Mann wurde nur der Name Gao bekanntgegeben. Dank seiner Geständnisse konnten 800 Polizisten bei Razzien in 41 Molkereien und großen Viehzuchtstationen mehr als 222 Kilo Melamin beschlagnahmen, schrieb die Pekinger Zeitung Chen Bao. Bisher sind in Hebei, wo der Skandal zuerst öffentlich gemacht wurde, 22 als Hauptbeschuldigte genannte Viehzuchtbesitzer und Milchhändler festgenommen und 13 formell verhaftet worden.

Gao soll gestanden haben, Melamin vom zweiten Halbjahr 2007 an produziert und an die Zuchtstationen weiterverkauft zu haben. Razzien fanden auch in anderen Provinzen statt, wo fast 30 Milchfirmen und Konzerne belastete Produkte verkauften. An der verseuchten Säuglingsnahrung sind laut offiziellen Meldungen 53.000 Kleinkinder mit Nierenschäden erkrankt. Vier Babys starben.

Größte Kontrollaktion

Neben den Polizeiaktionen will Peking mit der bisher größten Lebensmittelkontrolle in Chinas Geschichte das erschütterte Vertrauen der Verbraucher zurückgewinnen. Das Staatliche Industrie- und Handelsamt schickte dazu Hunderttausende seiner Mitarbeiter zur Überprüfung aller Weiterverarbeiter und Verkäufer des Landes aus. Fast zehn Millionen Vertriebsstellen vom Großhandel bis zum Kiosk seien bis Dienstag inspiziert worden, sagte Amtschef Zhou Bohua in einer Pressekonferenz am selben Tag.

Die Staatsinspektoren beschlagnahmten 8256 Tonnen an Babynahrung und Milchprodukten in Supermärkten und Geschäften. Fast 900 Tonnen belasteter Milchprodukte wurden von Verbrauchern zurückgenommen, die entschädigt wurden. Die Kontrolleure gingen zudem einer halben Millionen Anzeigen, Beschwerden und Hinweisen aus der Bevölkerung nach.

Bei Chinas asiatischen Nachbarn kommen nach Joghurt, Speiseeis, Schokoriegeln und Instant-Milchkaffeemischungen nun auch Nahrungsmittel der "dritten Reihe" auf den Index. Südkoreas Gesundheitsbehörden verboten am Dienstag zwei Snacksorten, in denen Melamin nachgewiesen wurde. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Yonhap soll es sich um "Ritz Käse-Cracker" handeln, die die US-Firma Nabisco in Suzhou herstellen ließ und von denen Südkorea heuer 87 Tonnen importierte. An den Pranger kamen auch "Savory Reis-Cracker", die eine thailändische Firma in China herstellen und ausführen lässt. Zuvor hatte Südkorea auch mehrere in China produzierte Küchleinsorten und Kaffeeweißer verboten, die über Hongkong importiert wurden.

Bekannte Schokolademarke

Am Montag war bekanntgeworden, dass auch Süßigkeiten der bekannten britischen Marke Cadbury mit Melamin belastet sind. Die Produkte stammten aus einer Pekinger Fabrik der Firma und waren in Hongkong, Taiwan und Australien auf den Markt gelangt.

Inzwischen haben mehr als ein Dutzend afrikanischer und asiatischer Staaten sowie die EU Einfuhrbeschränkungen für chinesische Milchprodukte verhängt. In Österreich gibt es laut Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky keine Hinweise auf melaminverseuchte Milchprodukte. (Johnny Erling,  DER STANDARD Printausgabe, 01.10.2009)

 

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