Kopf des Tages: Horst Seehofer soll CSU aus der Krise führen

30. September 2008, 19:03
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Stehaufmännchen erfüllt sich seinen Lebenstraum

Im Warten ist Horst Seehofer gut. Mehr als ein Jahr lang hat er auf den bevorstehenden 25. Oktober gewartet. An diesem Tag wird sich sein Lebenstraum erfüllen und Seehofer die CSU führen. Schon einmal war er ganz nah dran: Damals, im Jänner 2007, als Edmund Stoiber vom Hof gejagt und zum Rücktritt gezwungen wurde. Aber dann stand plötzlich und ganz zufällig in der Bild-Zeitung, dass der dreifache Familienvater in Berlin eine schwangere Freundin habe.

Zuerst haben das viele für einen klischeehaft-schlechten Boulevard-Scherz gehalten. Aber nicht lange, denn die Geschichte stimmte tatsächlich. Da war es dann natürlich nichts mehr mit dem Parteivorsitz. Den bekam Erwin Huber, und Seehofer lächelte dazu freundlich. Aber ganz tief drinnen wusste er schon damals: Eines Tages brauchen sie mich doch.

Genauso wie Seehofer sie alle braucht: die Politik, das Rampenlicht, die Gremien, die Sitzungen. Er sei ein "Polit-Junkie", hat er selbst einmal zugegeben. Seit 1980 sitzt der diplomierte Verwaltungswirt aus Ingolstadt im Bundestag. Unter Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) leitet er das Gesundheitsministerium und übersteht dort alle Angriffe von erbosten Medizinern, die sich gegen seinen Sparkurs wehren.

Als CSU-Chef Edmund Stoiber 2002 Kanzlerkandidat der Union wird, ist es die eigene Gesundheit, die Seehofer fast außer Gefecht setzt: Für Stoiber reibt er sich im Wahlkampf so auf, dass er eine Herzmuskelentzündung erleidet und fast stirbt. Kaum genesen, lässt er sich von Stoiber als Gesundheitsexperte in dessen Kompetenzteam berufen.

"Herz-Jesu-Sozialist" wird Seehofer wegen seiner Sozialpolitik genannt. Die eigentlich von der SPD favorisierte Bürgerversicherung im Gesundheitswesen gefällt ihm so gut, dass die Union böse ist und Seehofer sein Amt als Bundestagsfraktionsvize verliert. Doch 2005 boxt ihn Stoiber als Agrar- und Verbraucherminister in Merkels Kabinett, wo sich der eloquente und leutselige Seehofer bald unterfordert fühlt.

Stets hat er den CSU-Vorsitz im Blick, aber als dieser nach Stoibers Abgang zum Greifen nahe ist, stolpert Seehofer privat. Wochenlang kann sich der 59-Jährige nicht zwischen Freundin und Familie entscheiden. Als er endlich erklärt, "dass die Familie Seehofer zusammenbleibt", ist es zunächst zu spät. Zu viele Sympathien sind verspielt. Seehofer bleibt als CSU-Vize vorerst nur die zweite Reihe - und die Hoffnung, dass die "Kreisklasse", wie er CSU-Chef Erwin Huber verspottete, scheitern wird. (Birgit Baumann/DER STANDARD, Printausgabe, 1.10.2008)

 

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