Schwarzer Montag, hektischer Dienstag

30. September 2008, 18:04
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Wie viele Banken noch an der Kippe stehen, lautete am Dienstag die Frage. Dexia sprangen drei Staaten zur Seite. Und in Österreich ist ein Bankengipfel geplant

Frankfurt / New York - Dem schwarzen Montag folgte der hektische Dienstag. Alles blickt nach Washington, wo das Scheitern der Abstimmung über das geplante Rettungspaket für die Banken den Kurssturz ausgelöst hat. Beim Absturz der Aktienkurse an der Wall Street sind zum Wochenauftakt 1,2 Billionen Dollar (834 Milliarden Euro) fiktiver Börsenwert vernichtet worden. Damit sind die Verluste fast doppelt so hoch wie das von der US-Regierung geplante Rettungspaket für den US-Finanzsektor im Wert von 700 Mrd. Dollar. In den USA und Europa addieren sich die Verluste auf knapp 2000 Milliarden Dollar.

Die Rettungsaktionen für europäische Banken mussten am Dienstag fortgesetzt werden. Belgien, Frankreich und Luxemburg greifen der angeschlagenen Immobilienbank Dexia mit einer Kapitalerhöhung von 6,4 Mrd. Euro unter die Arme. Einen Tag nach den Rettungsaktionen für den Finanzkonzern Fortis und die deutsche Hypo Real Estate müssen Regierungen damit dem nächsten Geldhaus in Europa zu Hilfe eilen, um eine Kettenreaktion zu verhindern.

Nächtliche Rettungsaktion

Dexia - in Österreich 49-Prozent-Aktionär der Kommunalkredit - ist als weltweit größter Finanzierer von Immobilienkrediten für Kommunen Hauptrivale der Depfa, die mit Fehlspekulationen am US-Hypothekenmarkt praktisch zeitgleich ihren deutschen Mutterkonzern Hypo Real Estate (HRE) an den Rand des Abgrunds brachte. Dexias staatliche Aktionäre verpflichteten sich zu einer Kapitalerhöhung von 9,90 Euro je Aktie.

Die belgische Regierung organisierte die Finanzspritze für Dexia über Nacht, nachdem die Aktien am Montag wegen Gerüchten über Liquiditätsprobleme eingebrochen waren. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy, Regierungschef Francois Fillon und Notenbankpräsident Christian Noyer besiegelten ihren Teil der Hilfsaktion um fünf Uhr morgens.

Auch in Österreich wird intensiv konsultiert. Die Banker sind in ständigem Kontakt mit der OeNB, derzeit erstatten die diversen Bankchefs der Reihe nach jeden Tag beim für die Bankenaufsicht und Finanzmarktstabilität zuständigen neuen Direktoriumsmitglied, Andreas Ittner, Bericht. Für Anfang nächster Woche hat Notenbank-Chef Ewald Nowotny die Chefs der größeren Institute zu einem Bankengipfel in die OeNB geladen.

Massive Aufstockung

Die US-Notenbank Fed und neun weitere Zentralbanken, darunter auch die EZB, beschlossen eine massive Aufstockung von Dollar-Liquidität, die wegen des Misstrauens besonders rar ist. Im Zuge von Devisen-Tauschgeschäften stehen somit in den wichtigsten Volkswirtschaften außerhalb der USA 620 Mrd. Dollar (432 Mrd. Euro) zur Verfügung. Für Geschäfte über Nacht müssen die Institute dafür eine Verzinsung von 5,25 Prozent auf das Kapital berappen.

Die Ablehnung des US-Rettungspakets durch das Repräsentantenhaus hat in Europa zum Teil scharfe Kritik ausgelöst. Die sonst eher zurückhaltende EU-Kommission hat ihre Enttäuschung signalisiert. Besonders heftig verurteilte Handelskommissar Peter Mandelson das Scheitern: "Die Abgeordneten sind von allen guten Geistern verlassen, und ich hoffe, dass wir in Europa keine Politiker und Parlamentarier erleben, die eine solche Verantwortungslosigkeit an den Tag legen." Am heutigen Mittwoch werden in Brüssel schärfere Bestimmungen für die Unterlegung von Geschäften mit Eigenkapital vorgeschlagen.

Auch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die USA aufgefordert, das Hilfspaket noch diese Woche zu verabschieden. Sie verteidigte die deutsche Milliarden-Bürgschaft des Bundes für den Finanzkonzern Hypo Real Estate. Merkel sagte am Dienstag nach einer Sondersitzung der Unionsfraktion in Berlin, das US-Rettungspaket habe eine "unglaublich wichtige Bedeutung" für Wirtschaft und Bürger, um Vertrauen zu bilden. (mimo, gra, Reuters, DER STANDARD, Printausgabe, 1.10.2008)

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