Die Wall Street soll die Aufräumarbeit bezahlen

30. September 2008, 18:16
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Es braucht kein Genie, um zu verstehen, dass das amerikanische Finanzsystem in der Krise steckt - Von Joseph Stiglitz

Es braucht kein Genie, um zu verstehen, dass das amerikanische Finanzsystem in der Krise steckt. Die Probleme in der US-Wirtschaft und im Finanzsystem sind bereits seit Jahren bekannt. Aber das hat Amerikas Politiker nicht davon abgehalten, genau die Personen um Hilfe zu bitten, die die Krise möglich gemacht haben. Der Rettungsplan wird dem Kongress sehr wahrscheinlich noch einmal zur Abstimmung vorgelegt. Zu stark sind die Märkte eingebrochen. Die Abgeordneten werden damit die Wall Street retten, aber was passiert mit der Realwirtschaft? Was geschieht mit den Steuerzahlern, die bereits mit beispiellos hohen Defiziten zu kämpfen haben? Kann in so einem Umfeld irgendein Rettungsplan funktionieren?

Um es klarzustellen: Der Rettungsplan, der jetzt abgeschmettert wurde, war sehr viel besser als jener, den US-Präsident Bush vorgeschlagen hat. Aber die grundsätzliche Herangehensweise bleibt voller Fehler. Erstens setzt der Plan immer noch auf eine "durchsickernde" Wirtschaft: Wenn nur genügend Geld in die Wallstreet gepumpt wird, soll es bis in die Realwirtschaft durchsickern. Doch so etwas funktioniert fast nie.

Zudem geht der Plan von einer Vertrauenskrise aus. Doch im Zentrum stehen faule Immobilienkredite. Die Häuserpreise fallen weiter, und damit wird es mehr Zwangsvollstreckungen geben. Zudem haben die faulen Kredite massive Löcher in die Bankbilanzen gerissen. Kein Rettungsplan, mit dem zu wenig für die Vermögenswerte der Banken gezahlt wird, kann diese Löcher stopfen. Das käme einer Bluttransfusion für einen Patienten gleich, der starke innere Blutungen hat. Selbst wenn ein Rettungsplan schnell umgesetzt wird, wird es eine Verknappung der Kredite geben. Ein wirtschaftlicher Abschwung wird die Probleme nur verschlimmern.

Man könnte mit weniger Geld mehr erreichen. Warren Buffett hat einen weiteren Weg zum Stopfen der Finanzlöcher aufgezeigt, als er Goldman Sachs Eigenkapital zur Verfügung stellte. Wenn Vorzugsaktien mit Optionen ausgegeben werden, wird das Risiko für den Staat reduziert und sichergestellt, dass es Aufwärtspotenzial gibt.

Dieser Ansatz bietet auch die Anreize, die nötig sind, weitere Kredite zu vergeben. Er vermeidet zudem die hoffnungslose Aufgabe, Millionen von komplexen Finanzinstrumenten zu bewerten. Zu guter Letzt ist der Lösungsansatz auch viel schneller.

Am Ende läuft es aber darauf hinaus, dass der amerikanische Steuerzahler auf den Kosten sitzenbleibt, wenn der Rettungsplan in seiner jetzigen Form umgesetzt wird. In der Umweltökonomie herrscht das Leitprinzip vor, dass für Umweltbelastungen der Verursacher zahlen soll. Das ist eine Frage von Gerechtigkeit und Effizienz. Die Wall Street hat die Wirtschaft mit giftigen Krediten belastet. Sie soll auch für die Sanierungsarbeiten zahlen.

Aber die Politiker stehen unter Druck, angesichts der Krise zu handeln. Also sollten wir beten, dass die Einigung im Kongress, die aus einem ungesunden Mix aus Partikularinteressen, fehlgeleiteter Wirtschaftspolitik und rechten Ideologien besteht, irgendwie einen funktionierenden Rettungsplan auf die Beine stellt - oder zumindest nur wenig Schaden anrichtet. (© Project Syndicate, 2008. Aus dem Englischen von Lukas Sustala, DER STANDARD, Printausgabe, 1.10.2008)

Zur Person

Joseph E. Stiglitz ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Columbia University und wurde 2001 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.

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    Joseph E. Stiglitz

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