"Slowakei, Polen wird es schwer treffen"

30. September 2008, 17:59
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Die Finanzkrise wird das Wirtschaftswachstum in Osteuropa deutlich bremsen, sagt der Budapester Ökonom László Csaba im STANDARD-Interview

STANDARD: Wie stark wird die internationale Finanzkrise in Osteuropa spürbar sein?

Csaba: Ungarn hat den Vorteil, dass sein Finanzmarkt rückständig ist. Der Anteil der Marktkapitalisierung ist limitiert, im Vergleich zu Westeuropa notieren weniger Unternehmen an der Börse. Daher hat der Abschwung an den internationalen Börsen nur einen begrenzten Einfluss auf die Realökonomie. So gesehen, sind wir also ein sicherer Hafen. Aber wir sind nicht mehr so rückständig wie in den 1990er-Jahren: Die ungarischen Banken gehören zu 90 Prozent ausländischen Firmen, die Transaktionen an der Börse Budapest werden zu 75 Prozent von Ausländern durchgeführt. Daher erwarte ich einen weiteren Abfall der Budapester Börse und eine Schwächung des Forint. Ich gehe nicht von einem Kollaps aus, aber das Wirtschaftswachstum dürfte sich verlangsamen. Die Finanzkrise wird ein Problem für börsennotierte Unternehmen, für die Budgetpläne der Regierung und die Pensionsfonds werden.

STANDARD: Gilt diese Einschätzung auch für Polen, Tschechien und die Slowakei?

Csaba: Nein. Da gibt es einen großen Unterschied: Ungarn ist in einer Phase der Konsolidierung, die Wirtschaft wächst langsam. Daher müssen sich ungarische Unternehmer und der ungarische Staat auch weit weniger Geld von außen holen, als das in stark wachsenden Ländern der Fall ist. Wenn die externen Finanzquellen versiegen oder teuer werden, ist das also nicht so dramatisch. Rasch wachsende Staaten wie die Slowakei, Polen und Rumänien wird die Finanzkrise aber schwer treffen. Ich erwarte einen stärkeren Abschwung in diesen Staaten als in Ungarn, wo wir ohnehin an der Schwelle zur Stagnation sind.

STANDARD: Erwarten Sie eine Rezession in diesen Staaten?

Csaba: Nein. Aber das Ausmaß, in dem das Wirtschaftswachstum zurückgehen wird, könnte viele überraschen. Viele Analysten gehen noch immer von Wachstumsraten von fünf bis sechs Prozent in Polen, der Slowakei, Rumänien, aber auch in der tschechischen Republik aus. Das ist zu optimistisch. Diese Wachstumsprognosen werden jeweils um 1,5 bis zwei Prozent gesenkt werden müssen. In bestimmten makroökonomischen Kalkulationen - etwa bei der Einhaltung der Maastricht-Kriterien - macht das einen riesigen Unterschied.

STANDARD: Heißt das, einige Staaten in Osteuropa werden den geplanten Beitritt zum Euro verschieben müssen?

Csaba: Ungarn ist in der bequemen Lage, dass wir noch kein Zieldatum für einen Beitritt festgelegt haben. Polen hat sich aber das ambitionierte Ziel gesetzt, dem Euroraum 2011 beizutreten. Wenn sich das Wirtschaftswachstum verlangsamt und die Staatseinnahmen sich daher nicht so entwickeln wie von der Regierung in Warschau erwartet, könnte der Beitritt nach hinten verschoben werden.

STANDARD: Österreichische Banken verweisen darauf, dass sie von der Finanzkrise weniger betroffen sind, weil sie vor allem in Osteuropa investieren.

Csaba: Die Slowakei, Rumänien und Polen bleiben mittelfristig weiterhin vielversprechende Ökonomien. Aber zu glauben, die Investments im Osten seien sicher und man werde dort den rauen Wind der amerikanischen Wirtschaftskrise nicht spüren, ist eine Illusion. (Andras Szigetvari, DER STANDARD, Printausgabe, 1.10.2008)

Zur Person

Der 1954 geborene prominente ungarische Ökonom László Csaba unterrichtet Wirtschaftswissenschaften an der Budapester CorvinusUniversität, an der Uni Debrecen und an der Central European University.

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    foto: privat
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