"Nicht so ängstlich!"

30. September 2008, 17:38
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Dort, wo in zwei Jahren Kölns Großmoschee stehen soll, wird schon heute gebetet, gekocht, studiert und gedöst

Ayşe Yaman zieht gemächlich ihre Runden und lässt sich die Herbstsonne aufs schwarze Kopftuch scheinen. Bevor sie zurück in die Moschee geht, dreht sie sich noch eine Zigarette. Die braunen Fingerkuppen erzählen von den vielen anderen, die sie heute schon geraucht hat. Noch ist Ramadan, und Yaman nimmt ihn locker. "Jetzt sind noch nicht so viele Leute hier, die arbeiten alle noch. Am Abend ist mehr los", erklärt die Kölnerin, als sie uns ins Zentrum der Merkez-Camii, der alten Zentralmoschee, führt.

FPÖ reiste an

Nur noch wenige Tage wird hier gebetet. Dann beginnen die Abrissarbeiten, um Platz zu schaffen für die neue Großmoschee Köln-Ehrenfeld, das größte islamische Gotteshaus Deutschlands. 55 Meter hohe Minarette, eine 36 Meter hohe Kuppel - die Aufregung war groß und dauerte lange. Selbst die Wiener FPÖ sorgte sich um die Bewohner der Eine-Million-Einwohner-Stadt und schickte Mitte September eine Gesandtschaft nach Köln, rund 40.000 Kölner demonstrierten "gegen Rechts".

"Viele Missverständnisse"

Ayşe Yaman scheint von alledem wenig mitbekommen zu haben. Wie die neue Moschee aussehen soll, weiß sie gar nicht. Und doch hat sie genaue Vorstellungen darüber, was das Zentrum sein soll: "Ein offener Ort, wo Christen und Muslime zusammen kommen", solle es sein, denn es gebe "viel zu wenig Kontakt und viel zu viele Missverständnisse." Zum Beispiel? "Meine Religion hat mich immer gelehrt, dass Toleranz und Respekt wichtig sind. Aber die Leute wissen das nicht." Yaman findet auch, dass sich die Muslime etwas von den Christen abschauen sollten. "Diakonie und Katholiken haben diese Frauenhäuser, wo es Schutz gibt. So etwas sollte es in der Moschee auch geben", meint die allein erziehende Mutter.

"Laut und unsauber"

Zwei Straßen weiter steht Helga Kuhnert und wartet auf ihren Mann. Ungeduldig schaut sie aufs Handy. Die 57-jährige Laborantin findet die Moschee "unnötig". "Brauchen wir das wirklich?", fragt sie, und da sie ein "Nein" nicht ausschließen kann, findet sie noch ein weiteres Argument: "Ich weiß nicht, wie es uns gehen würde, wenn wir in der Türkei sagen, wir möchten jetzt bitte eine Kirche haben." Ob es die nicht jetzt schon gebe? "Das weiß ich nicht. Ich war noch nie dort." Fest stehe, dass hier jetzt schon einiges im Argen liegt. "Es ist laut und unsauber." Außerdem finde man in der Moschee "eine ganz andere Mentalität". Was sie damit genau meint, will die Passantin nicht näher ausführen: "Ich komme ja gar nicht von hier, sondern vom anderen Rheinufer. Ich befasse mich auch gar nicht so mit Politik. Ich arbeite den ganzen Tag. Eigentlich will ich nur meine Ruhe haben."

"Nicht nur Beten"

Ein bisschen weniger ruhig hätte es Çıtak Riza wohl ganz gern. 37 Jahre hat er hier gearbeitet, jetzt ist er arbeitlos. Statt ins Ford-Werk führt ihn sein täglicher Fußmarsch mit der Gebetskette in der Hand in die alte Zentralmoschee. Und er findet es "sehr schön", dass aus ihr etwas Neues, Größeres werden soll. Dass die Architektur an zerbrochene Eierschalen erinnert, stört ihn nicht: Nicht zerbrechlich wirke das moderne Gebäude, sondern "offen, für Christen und Türken". Riza ist es wichtig, deshalb wiederholt er es mehrmals: "Hier geht es nicht nur ums Beten. Sondern auch um Sport und ums Lernen." Lernen? "Ja. Alles kann man dort lernen: Sprachen, Berufe. Ob Computer oder Tischler – alles."

Deutschkurs um einen Euro

Studiert wird schon jetzt in dem kleinen, heruntergekommenen Hinterhof-Häuschen, das die alte Zentralmoschee im Kölner Gemeindezentrum der DITIB, der "Türkisch-Islamischen Unsion der Anstalt für Religion e.V.", flankiert. 500 Kursbesucher pro Jahr zählt das kleine Bildungszentrum der Moschee, laut dessen Leiter Isik Ugurlu sind 120 davon nichttürkisch - "die meisten aus Russland, Italien und aus osteuropäischen Ländern". Die meisten lernen hier Deutsch – um einen Euro pro Unterrichtseinheit. Schön langsam werde es eng in den acht Klassenräumen, erzählt Ugurlu, der seine Lektion in öffentlichkeitswirksamer Rhetorik bereits gelernt hat: "Wenn wir das neue Zentrum haben, können wir bessere Integrationsarbeit leisten."

Comics im Gebetsraum

"Nicht so ängstlich! Einfach reinkommen!", ruft eine ältere Frau, sichtlich amüsiert über unser Zögern, den Frauenraum der Moschee zu betreten. Was die Passantin zuvor mit "anderer Mentalität" gemeint haben könnte, finden wir hier: Frauen, die auf der Sitzbank ihr Mittagsschläfchen abhalten, andere, die auf dem Boden sitzen und plaudern, eine dritte zieht mit dem Kuli die arabischen Schriftzeichen des Korans nach, eine vierte liest Comics. Von strenger Gebetsdisziplin ist wenig zu spüren. Es ist Nachmittag, die Stimmung ist locker, der Raum noch fast leer. Der Hauptraum der Moschee, der den Männern vorbehalten ist, ist nicht besser besetzt, dafür ist er fünf Mal so groß.

Sie komme jeden Tag hierher, erzählt Ayse Yaman. Auch, um Koran zu lesen. Vor allem aber, weil sie erst seit zwei Monaten hier lebt und kaum Menschen kennt. Im Zentrum trifft sie andere Frauen zum Frühstück, liest Verkaufsanzeigen und plaudert mit dem Zuckerlverkäufer und anderen Besuchern. In wenigen Tagen wird das Gelände geschlossen werden, die Besucher müssen für mindestens zwei Jahre auf ein nahe gelegenes Ersatzquartier ausweichen.

"Beachtenswerte" Reaktionen

Plakate auf der Hauswand präsentieren inzwischen das Modellbild der geplanten Großmoschee, um die Anrainer schon einmal darauf einzustimmen. Der IT-Berater Wolfgang Lekscha ist einer von ihnen. Die Architektur der Moschee kennt er so gut wie die Diskussionen darüber. Und er findet es "beachtenswert, wie sehr sich die Kölner Bevölkerung hinter die Muslime gestellt hat." Auf die Frage, was er von 55 Meter hohen Minaretten in seiner Wohnumgebung hält, blickt er kurz nach oben und grinst: "Wie hoch sind eigentlich diese hässlichen Wohnblocks hier?" (Maria Sterkl, derStandard.at, 30.9.2008)

  • Ein unscheinbares Gebäude im Hinterhof: Die Kölner Zentralmoschee heute. Der Colonius-Turm links im Bild ist übrigens 267 Meter hoch
    foto: derstandard.at/mas

    Ein unscheinbares Gebäude im Hinterhof: Die Kölner Zentralmoschee heute. Der Colonius-Turm links im Bild ist übrigens 267 Meter hoch

  • Plakate mit Bildern des geplanten fünfstöckigen Großmoschee-Zentrums sollen die Nachbarschaft informieren
    foto: derstandard.at/mas

    Plakate mit Bildern des geplanten fünfstöckigen Großmoschee-Zentrums sollen die Nachbarschaft informieren

  • "Die einzigen, die vom Rassenhass profitieren, sind die Politiker": Ayşe Yaman erhofft sich vom neuen Zentrum "mehr Toleranz und Respekt"
    foto: derstandard.at/mas

    "Die einzigen, die vom Rassenhass profitieren, sind die Politiker": Ayşe Yaman erhofft sich vom neuen Zentrum "mehr Toleranz und Respekt"

  • Findet den Moschee-Neubau "sehr schön": Çıtak Riza
    foto: derstandard.at/mas

    Findet den Moschee-Neubau "sehr schön": Çıtak Riza

  • Bis zu 20 Wochenstunden verbringen die Teilnehmenden der Deutschkurse im Bildungszentrum der Moschee (im Bild dessen Leiter Isik Ugurlu)
    foto: derstandard.at/mas

    Bis zu 20 Wochenstunden verbringen die Teilnehmenden der Deutschkurse im Bildungszentrum der Moschee (im Bild dessen Leiter Isik Ugurlu)

  • Plausch zwischen zwei Suren: Der Frauenraum
    foto: derstandard.at/mas

    Plausch zwischen zwei Suren: Der Frauenraum

  • Ende der Mittagspause
    foto: derstandard.at/mas

    Ende der Mittagspause

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