Aus dem Rhythmus

30. September 2008, 15:48
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100 000 Mal am Tag schlägt das Herz im Takt, wenn es aus dem Rhythmus kommt, folgt die Angst: Ungefährlich oder lebensbedrohlich? Ein neuer Ratgeber will aufklären

Solange man nicht merkt, dass das Herz schlägt, ist alles in bester Ordnung. Unangenehm wird es dann, wenn der Herzschlag ohne Anstrengung oder Aufregung spürbar wird. Es kann rasen, stolpern, aussetzen, flimmern, zu langsam oder zu schnell schlagen. "Manche Formen sind ungefährlich und bedürfen keiner Therapie. Andere müssen mit Medikamenten oder Elektrotherapie behandelt werden oder sind sogar lebensbedrohlich", so Matthias Manz, Autor des soeben erschienen Ratgebers "Herzrhythmusstörungen".

Komplexer Sachverhalt

Selbst dem Fachmann fällt es bisweilen schwer, eine Rhythmusstörung entweder als harmlos und nicht behandlungsbedürftig, oder als gefährlich und behandlungspflichtig einzustufen. Kein Wunder, da es sich auch für den Mediziner um einen komplexen Sachverhalt handelt: Herzrhythmusstörungen können angeboren sein oder jede erworbene Herzerkrankung, wie Herzkranzgefäßerkrankungen, defekte Herzklappen oder Narben im Herzmuskel begleiten. Sie können aber auch ein Symptom einer nicht das Herz betreffenden Erkrankung sein.

Beispiele dafür wäre eine Schilddrüsenüberfunktion oder ein Mineralstoffmangel. Denn Mineralien wie Kalium und Magnesium bestimmen die elektrische Erregbarkeit des Herzmuskels und können deshalb in einer Mangelsituation den Rhythmus beeinflussen. Manchmal treten Herzrhythmusstörungen sogar bei Herzgesunden zum Beispiel als Folge von Stress, oder zuwenig Schlaf auf.

Angeborene oder erworbene Störung

Der beste Weg, um die Ursachen zu finden ist deshalb ein Termin beim Kardiologen. Eine Befragung klärt auf, ob in der Familie bereits Herzerkrankungen bekannt sind und ob Arzneimittel oder schon durchgemachte Erkrankungen wie Scharlach oder Diphtherie als Ursache in Frage kommen. Das Abtasten des Halses ist notwendig, um eine eventuelle Schilddrüsenerkrankung auszuschließen. Ist beim Ein- und Ausatmen ein „Rasseln" zu hören, deutet das auf einen Flüssigkeitsstau in den Lungen hin, der sich bei einer Herzschwäche bilden kann.

Apparative Verfahren

Apparative Verfahren wie EKG , Echokardiogramm(Ultraschall), Koronaangiographie oder elektrophysiologische Herzkathederuntersuchung sind zusätzlich bei der Diagnosefindung unerlässlich, damit der Kardiologe zur Diagnose kommt. Prinzipiell unterscheidet er drei Hauptformen einer Herzrhythmusstörung.

Wenn das Herz stolpert, handelt es sich um so genannte Extrasystolen (zusätzliche Schläge). Beginnt das Herz zu rasen spricht man von einer Tachykardie, die ab einer Herzfrequenz von über 100 Schlägen pro Minute diagnostiziert wird. Umgekehrt verhält es sich bei der Bradykardie. Hier verlangsamt sich der Herzschlag auf weniger als 50 Schläge pro Minute.

Wenn das Herz stolpert - Extrasystolen

Extrasystolen entstehen dann, wenn es einem zusätzlichen elektrisch aktiven Impuls gelingt, das Herz zu erregen. Die Wahrnehmung dabei ist sehr unterschiedlich: Während manche Menschen 20 bis 30 000 Extrasystolen pro Tag haben und keine davon bemerken, gibt es andere die jeden einzelnen zusätzlichen Schlag als heftig und beängstigend empfinden. Fachlich unterschieden werden die Extrasystolen nach ihrem Ursprungsort: Ein Impuls aus dem Vorhof wird als supraventikuläre Extrasystole (SVES) bezeichnet. Liegt der Ursprung in der Herzkammer spricht man von ventikulären Extrasystolen (VES).

Erkrankung im Vorhof

Vorhofextrasystolen sind überwiegend harmlos und kommen auch bei Herzgesunden vor. Eine spezielle Behandlung ist meist nicht erforderlich. Sind eine Herzschwäche, ein Herzklappenfehler oder eine Schilddrüsenüberfunktion Ursache, dann zielt die Behandlung auf die zugrunde liegende Erkrankung ab.

Geschehen in der Herzkammer

Auch die ventikulären Extrasystolen sind meist weniger gefährlich als bisher vermutet. Vor allem Stress, Anspannung, Angst oder Aufregung können auch bei einem gesunden Herz dazu führen. Genauso wie zu viel Alkohol oder Kaffee. Ernst zu nehmen sind die Rhytmusstörungen nach einem Herzinfarkt und bei Patienten mit verengten Herzkranzgefäßen Deshalb muss eine mögliche Herzerkrankung unbedingt ausgeschlossen werden. Eine Blutuntersuchung bestimmt die Konzentration verschiedener Blutsalze. Besteht ein Mineralstoffmangel wird dieser mit entsprechenden Präparaten ausgeglichen.

Wenn das Herz rast - Tachykardie

Beginnt das Herz grundlos zu rasen, dann kann das ausgesprochen gefährlich werden. Die harmloseste Variante kennt jeder und ist das Herzjagen bei Stress, wie vor dem ersten Rendezvous oder vor Prüfungen. Wenn solche Herzaktionen mehr als 100 Schläge pro Minute erreichen spricht man von Sinustachykardie.

Treten diese grundlos auf, besteht der Verdacht auf eine Erkrankung. Auch hier wird zwischen supraventikulären (aus dem Vorrhof stammend) und ventikulärem (aus den Kammenrn ausgehend) Tachykardien unterschieden.

Häufiges Vorhofflimmern

Besonders weit verbreitet ist das so genannte Vorhofflimmern, die häufigste Herzrhythmusstörung überhaupt. Flimmernde Vorhöfe ziehen sich nicht mehr koordiniert zusammen. Ihre Kontraktionen sind mit einem Zittern zu vergleichen. Kleine Unebenheiten, wie winzige Narben reichen aus, um es auszulösen. Das Vorhofflimmern kann aber auch erstes Anzeichen verschiedenster Erkrankungen sein. Dazu zählen zum Beispiel Herzklappenfehler, Herzkranzgefäß- Erkrankungen und Herzinfarkt, Herzmuskel-Erkrankungen, Bluthochdruck, Herzmuskelentzündungen und eine Schilddrüsenüberfunktion. Bei etwa jedem fünften Patienten findet sich jedoch keine Erkrankung. In diesem Fall spricht der Mediziner vom idiopathischem Vorhoflimmern.

Eine Behandlung macht nicht immer Sinn, da die Rezidivrate (Rückfallsrate) sowohl bei einer elektrischen Kardioversion, als auch bei medikamentösen Therapien zwischen 30 und 80 Prozent liegen.

Lebensbedrohliches Kammernflimmern

Lebensbedrohlich sind hingegen Kammertachykardien und das Kammerflimmern. Diese beiden Rhythmusstörungen gehören zu den ventikulären Tachykardien. In der Regel werden sie durch Narben nach einem Herzinfarkt oder während eines Herzinfarktes ausgelöst. In 10 bis 20 Prozent der Fälle kommt es aber auch ohne Vorschädigung zu einem Flimmern. Da sich die Herzmuskelwände nicht mehr koordiniert zusammenziehen können, steht mechanisch gesehen das Herz still. Der Blutfluss ist unterbrochen, Kreislauf und Sauerstoffversorgung brechen zusammen und ohne sofortige Erste Hilfe kommt es zum Herztod. Nur ein Elektroschock kann das Flimmern unterbrechen. Bei einem Herz-Kreislaufstillstand ist eine Herzdruckmassage die lebensrettende Maßnahme.

Wenn der Herzschlag Pause macht - die Bradykardie

Durch einen krankhaft verlangsamten Herzschlag nimmt die Herzleistung ab, Blut- und Sauerstoffversorgung verschlechtern sich. Am empfindlichsten reagiert das Gehirn auf den Sauerstoffmangel: Je nach Ausmaß der Durchblutungsstörung kommt es zu Schwäche, Schwindel, und Sehstörungen bis hin zur kurzen Bewusstlosigkeit, einer Synkope.

Die Untersuchung der Patienten ist aufwändig und umfangreich, vom Langzeit EKG das häufig schon Klarheit bringt, bis zur elekrtophysiologische Herzkathederuntersuchung, um weitere Informationen zu erhalten. Wenn es auch schwierig ist die Ursache der Bradykardie zu finden, so ist die Behandlung um so leichter: Mit dem Einpflanzen eines künstlichen Herzschrittmachers kann vielen Menschen geholfen werden. Manchmal reicht es auch das Gerät nur für eine Übergangszeit einzusetzen, wenn absehbar ist, dass sich der Herzrhythmus wieder normalisiert. Das kann zum Beispiel bei bestimmten Arzneimittel oder einer Erkrankung anderer Organe der Fall sein. (nia)

  • Herzrhythmusstörungen
von Prof.Dr.Matthias Manz
Hirzel-Verlag
ISBN: 978-3-7776-1580-6
    cover: "herzrhythmusstörungen/hirzel-verlag

    Herzrhythmusstörungen

    von Prof.Dr.Matthias Manz

    Hirzel-Verlag

    ISBN: 978-3-7776-1580-6

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