Mehr Tote durch Kunstfehler als durch Verkehrsunfälle

30. September 2008, 12:03
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Keine Fortschritte in der Patientensicherheit - Zehn Prozent der Spitalspatienten von medizinischen Fehlern betroffen, seit Jahren fehlen Verantwortlichkeiten

"Patientensicherheit ist die Grundlage für ein qualitativ hochwertiges Gesundheitssystem", schrieb die Europäische Kommission den Mitgliedsstaaten, denen sie in dieser Hinsicht bedeutende Versäumnisse attestiert ins Stammbuch. Aus diesem Grund ist Patientensicherheit heuer auch ein Leitthema des "European Health Forum Gastein" (EHFG), der wichtigsten europäischen gesundheitspolitischen Fachveranstaltung.

"Die Verantwortlichen nehmen die Dimension des Problems einfach nicht ernst genug", klagt EHFG-Präsident Günther Leiner. "Politik, Wissenschaft, Ärzte und nicht zuletzt auch die Gesundheitsbehörden konzentrieren sich viel zu sehr auf schlagzeilenträchtige Leistungen der Spitzenmedizin, statt die medizinischen Hausaufgaben zu erledigen."

Vermeidung von Kunsfehlern

Dabei lägen die Verbesserungspotenziale nicht primär bei der Vermeidung klassischer "Kunstfehler", sondern in den Bereichen Hygiene, Beschleunigung der Abläufe in Akutfällen, Diagnosesicherheit, Abbau von Wartezeiten und ähnlichem. "So schön es ist, wenn eine neue Transplantationstechnik für noch ein Organ ein Menschenleben rettet, so wenig dürfen wir deswegen übersehen, dass mit weit geringerem Einsatz von Geld und medizinischer Kompetenz zehn anderen Patienten geholfen werden könnte, die Opfer vermeidbarer und oft sehr banaler Fehler werden", so Leiner.

Prozessabläufe und Kommunikation

Viele Maßnahmen zur gezielten Verbesserung der Patientensicherheit wären dabei sogar ohne finanziellen Mehraufwand möglich. Oft könnten mit einfachen Veränderung von Prozessen und Abläufen, beziehungsweise Sicherstellung einer effektiven Kommunikation zwischen allen Akteuren ausreichen, um beachtliche Verbesserungen zu erzielen. „Hier brauchen wir zuallererst einmal nicht mehr Geld, sondern eine andere Einstellung zu diesem Problemfeld", führt Leiner aus.

10 Prozent der Krankenhauseinweisungen

Leiners Kritik ist durch diverse Studien wissenschaftlich bestens untermauert. So zeigen mehrere Arbeiten, dass rund zehn Prozent aller Spitalspatienten in irgendeiner Form von medizinischen Fehlern betroffen sind. Seit den Achtzigern gibt es praktisch keinen Trend zum Besseren. Die in diesem Bereich bisher ausführlichste US-Studie "To Err is Human" (1999) geht von 44.000 bis 98.000 Todesopfern als Folge von Fehlern in der medizinischen Behandlung aus - mehr als die Opfer von Verkehrsunfällen, Aids oder Brustkrebs. Laut Angaben der Europäischen Kommission ist bei durchschnitlich 10 Prozent der Krankenhauseinweisungen von Behandlungsfehlern auszugehen.

Unsichere Patienten

Den Patienten ist das Problem offensichtlich besser bewusst als den Verantwortlichen. Laut Eurobarometer betrachten 78 Prozent aller EU-Bürger mangelnde Patientensicherheit als gravierendes Problem der jeweiligen nationalen Gesundheitssysteme. Experten erhoffen von der neuen EU-Richtlinie zu Patientenrechten wesentliche Fortschritte. Auch die zunehmenden Möglichkeiten, Gesundheitsdienstleistungen im Ausland in Anspruch zu nehmen, erhöhen den Druck, Qualitätsstandards in den Mitgliedsstaaten entsprechend zu verbessern.

Kein Verantwortungsbewusstsein

"Die Hauptursache für die völlig unbefriedigenden Fortschritte auf dem Gebiet der Patientensicherheit liegt darin, dass sich offenbar niemand wirklich dafür verantwortlich fühlt", erklärt Leiner. "Das ist durchaus erklärbar, denn tatsächlich sind nur dann nachhaltige Erfolge möglich, wenn Ärzte, Spitalsverantwortliche, Wissenschaftler und Gesundheitspolitiker das Problem gemeinsam angehen. (red)

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    Laut Eurobarometer betrachten 78 Prozent aller EU-Bürger mangelnde Patientensicherheit als gravierendes Problem der jeweiligen nationalen Gesundheitssysteme.

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