"So sollte es nicht sein, das sind nicht wir"

30. September 2008, 10:21
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Wie junge Moslems die Zeit des Fastens in Wien erlebten und auf die Ergebnisse der Nationalratswahl in der "Haci Bayram"-Moschee im dritten Bezirk reagierten

Wien - Als Murat Hasaltay (24) die "Haci Bayram"-Moschee im dritten Wiener Gemeindebezirk am Sonntagabend betritt, herrscht Unruhe.

Denn die ersten ORF-Hochrechnungen zu den Nationalratswahlen 2008 haben viele der anwesenden gläubigen Moslems geschockt. Zwei Tage vor Ende des Ramadan ist die gute Stimmung dahin.

In der Luft liegt Anspannung, zwischen den Generationen wird heftig diskutiert. Denn ein junger Moslem hat sich als Nichtwähler geoutet, die älteren Anwesenden sind darüber aufgebracht.

Auch der türkischstämmige Murat freut sich nur bedingt. Erleichtert über den Sieg der SPÖ, beunruhigt ihn der schlagartige Gewinn an Stimmen für die FPÖ und das BZÖ. Überrascht hat ihn das Ergebnis allerdings nicht.

"Die Leute haben falsch gewählt", meint er. Murat vermutet viele Einwanderer hinter den FPÖ-Wählern, dieselben, die sich im Vorfeld bei den FPÖ-Ständen Luftballons und Feuerzeuge holten. Einen türkischen Kollegen kennt er, der in der Wahlkabine das Kreuz für die FPÖ gemacht hat, Verständnis hat er dafür keines.

"Das sind Menschen, die keine Bildung haben", meint Murat. Sie würden sich über die politische Polemiken gegen den Islam aufregen, "und morgen verteilt Strache wieder Luftballons und Feuerzeuge, und alle rennen hin". Es sei im Islam ein Muss, sich weiterzubilden, dass dennoch so viele ungebildet seien, enttäuscht ihn: "So sollte es nicht sein, das sind nicht wir."

Gemeinsames Fastenbrechen

Am Tag vor der Wahlentscheidung überwiegt die Ramadan-Stimmung. Wenige Minuten vor Sonnenuntergang treffen die Letzten ein. Die anwesenden Männer verbringen die letzten Minuten vor dem Fastenbrechen mit Fernsehen. Salat, eine Dattel und eine Zitrone sind schon auf den Essenstabletts, dann um 18.40 Uhr ist es soweit. Jeder folgt dem Duft des Essens hin zur Essensausgabe bei der Küche. Es wird ruhig im Raum, alle löffeln ihre Suppe.

Auch der junge Kerim Yilmaz genießt das vom eigens angestellten Koch der "Haci Bayram"-Moschee zubereitete Reisgericht. Mit seinen 15 Jahren ist er einer der jüngsten Fastenden. Während er nach ungefähr 14 Stunden Nahrungsentzug seinen Löffel auch beim Reden nicht mehr aus der Hand gibt, erklärt er, dass das Fasten für ihn gar nicht so schwer sei. Kerim fastet, weil er es als eine gute Übung zur Selbstkontrolle empfindet.

Das Fasten im Monat Ramadan ist neben dem Glaubensbekenntnis, den täglichen Gebeten, den Abgaben an Bedürftige und der Pilgerfahrt nach Mekka eine der fünf Grundsäulen des Islam. Jeder Moslem enthält sich ab dem Pubertätsalter jedes Jahr im Ramadan von Trinken, Essen, Rauchen und Geschlechtsverkehr. Am 1. September begann es dieses Jahr. Fasten sollen aber nur die, die körperlich dazu fähig sind. Kranke, Alte, schwangere oder stillende Frauen, Reisende sowie menstruierende Frauen müssen nicht fasten.

Vor dem Gebetsaufruf am Morgen wird eine ausgiebige Mahlzeit eingenommen. Sobald die Sonne untergegangen ist, wird das Fasten mit dem "Iftar" gebrochen. Die Moslems sind sich einig, dass das Fasten keinen Schaden anrichte. Im Gegenteil: Man sei sich seines Essverhaltens viel besser bewusst und trinke überdurchschnittlich viel in der Früh, um den Tag zu überstehen.

Die Stimmung im Gemeinschaftsraum der Moschee wird immer ausgelassener. Im hinteren Raum befindet sich ein Billardtisch, der auf Wunsch der jüngeren Mitglieder gekauft wurde. An der Wand dahinter hängen zwei Landesflaggen: Neben der Türkei glänzt das österreichische Rot-Weiß-Rot. Auch Hakan Erkan (13) findet an der Ramadan-Stimmung sein Gefallen. Heute habe er nicht gefastet, denn er hatte ein wichtiges Fußballmatch, erzählt der türkischstämmige Junge.

Er versichert jedoch, dass er diesen Fasttag nachholen werde. Leidvolle Pausen in der Schule kennt er nicht, denn er weiß, solche Situationen zu vermeiden: "Gleich am ersten Tag des Ramadan sage ich meinen Klassenkameraden, dass ich faste, und die nehmen dann auch Rücksicht und essen woanders", erzählt der junge Schüler.

Für Hakan ist dies eine Selbstverständlichkeit, schließlich " esse ich, wenn die Christen in meiner Klasse fasten und kein Fleisch essen dürfen, auch keine Wurstsemmel vor ihnen". Für ihn hat das Fasten vor allem einen Sinn: "Wir sollen dadurch verstehen, wie es den armen Leuten, die nichts zu essen und zu trinken haben, geht."(Sara Mansour Fallah/DER STANDARD Printausgabe, 30. September 2008)

Wissen

Der Ramadan ist der neunte Monat im islamischen Mondkalender, der zehn Tage weniger als das christliche Kalenderjahr hat. Somit verschiebt sich der Ramadan jedes Jahr um zehn Tage. Es ist ein besonders spiritueller Monat, in diesem fand die Offenbarung des Koran an den Propheten statt.

Außerdem geht es im Ramadan um ein gewisses Solidaritätsgefühl: Das Geld, das man für seine eigene Nahrung ausgegeben hätte, gibt man nun den Bedürftigen. Den Ramadan beendet dann das dreitägige "Eyd-ul Fitr"-Fest, auch Zuckerfest genannt. (smf)

  • Im dritten Bezirk Wiens versammeln sich Moslems heute ein letztes Mal zum Fastenbrechen. Am Tag vor der NR-Wahl war die Stimmung noch entspannt in dieser Moschee.
    foto: standard/fischer

    Im dritten Bezirk Wiens versammeln sich Moslems heute ein letztes Mal zum Fastenbrechen. Am Tag vor der NR-Wahl war die Stimmung noch entspannt in dieser Moschee.

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