So frisch kann das Barock sein

30. September 2008, 09:57
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Jean-Philippe Rameaus Ballett "La Guirlande" und die Oper "Zéphyre" in der Kammeroper Wien

Typisch Mann, möchte man sagen: Da ist einer der Herren der Schöpfung fremdgegangen. Na ja. Und was tut er? Anstatt auf der Stelle Besserung zu geloben, hinterfragt er die Standhaftigkeit seiner Geliebten. Mit Hilfe Amors finden beide wieder zueinander. Das in etwa ist die - etwas dürftige - Handlung des ersten der beiden "Ballets en un acte" von Jean-Philippe Rameau, La Guirlande ou Les Fleurs enchantées, welches Premiere an der Wiener Kammeroper feierte. Der Abend wurde alles andere als dürftig. Und wo Ballett draufsteht, muss noch lange nicht ausschließlich Tanzmusik drin sein. Um 1750 gierte die Pariser Welt, die zwischen Barock und Aufklärung schwankte, nach solchen Divertissements aus empfindsamer Musik mit all ihren Seufzern, aus kunstvoll-künstlichem Gesang, kleinem Chor, handfestem Tanz, schillernden Kostümen und aufregendem Bühnenbild. So ist es stimmig, dass Cordelia Matthes (Ausstattung) sämtliche Hirten, Nymphen und Götter fantasieüberladen in Tüll und Glitzer dekoriert. Ohne futuristisches Bühnenbild im Stil einer modernen Zahnarztpraxis würden Luftigkeit und Eleganz viel weniger hervorstechen, wird sie gedacht haben.

Vor allem aber Bernhard Klebel und das auf historischen Instrumenten musizierende Barockorchester der Wiener Kammeroper wissen mit musikalischen Ornamenten, Bebungen und Schleifen umzugehen. Damit bereitet er dem Countertenor Erik Leidal, der zu Recht ob ihrer voluminösen Stimme gefeierten Diana Higbee und Michael C. Havlicek einen luftigen Klangteppich.

Das zweite Werk, Zéphyre ou Les Nymphes de Diane, ist eine veritable Oper. Hier zeigt Regisseur Giorgio Madia, wie man eine Frau mit Prinzipien herumkriegt. Da werden Hirten mit agilen und raffinierten Tänzen durch die Wälder gescheucht, und Marelize Gerber als Zephyre lockt mit naturalistischem Gesang die Waldnymphe Cloris. Witzige Einfälle wie das Aufblühen der gelben Blumenwiese oder das Ballett der zwei galoppierenden Pferde wurden vom Publikum goutiert. Für einen solcherart filigranen Einakter ist die Kammeroper der richtige Ort. (henn, DER STANDARD - Printausgabe, 1. Oktober 2008)

Kammeroper Wien, Fleischmarkt 24, 1010 Wien
(01) 512 01 00-77. 19.30
www.wienerkammeroper.at

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