Das Handy wird zur Spielkonsole

30. September 2008, 09:20
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Für Nachschub in Sachen Zeitvertreib sorgt das heimische Entwicklerstudio Xendex, das gerade zum nächsten Expansionsschritt ansetzt.

"Wann ich zuletzt ein Handyspiel gespielt habe?" Michael Haberl kommt bei dieser Frage kurz ins Schwimmen. "Um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht genau. Ich spiele die Spiele nicht um des Spiels willen, sondern will dabei vor allem wissen, wie es die anderen gemacht haben, etwa mit dem Design, oder der Tastaturbelegung." Zeit zum Spielen hat Haberl ohnehin nicht. Denn wer in der Handy- und Internetspielebranche international erfolgreich sein will, muss als Spieleentwickler ständig neue Produkte aufs Mobiltelefon-Display bringen. Seit 2001 ist Haberl mit seiner in Graz gegründeten Firma Xendex im Geschäft.

Crash Car Mania

Das neueste Produkt in der Pipeline des Handyspielunternehmens ist Crash Car Mania, eine Mischung aus Autorennen, inszenierten Zusammenstößen und Jump and Run-Effekten in einem. Das Spiel kommt noch im Oktober raus, vermarktet wird es von Electronic Arts, eines der weltgrößten Verlagshäuser und Entwickler von Video- und Computerspielen. Mit 25.000 Euro Startkapital ist das Unternehmen seinerzeit gestartet, heute zählt Xendex zu den führenden Entwicklern von Handyspielen in Europa. Wieviel Haberl und seine insgesamt 45 Mitarbeiter umsetzen, verrät er nicht, nur soviel: "Es ist eine siebenstellige Zahl." Nach dem Einstieg des österreichischen Investors Pontis mit 2,3 Millionen Euro setzt Xendex zum nächsten Expansionsschritt an. Erst Anfang September wurde in London ein Büro eröffnet.

Treffpunkt London

"In London sitzen 75 Prozent der Spieleverlagshäuser in Europa, es ist ein Hub für den US-Markt", erläutert der Firmenchef. Neben Spielen der Eigenmarke (etwa Freestyle Motocross), entwickelt Xendex vorwiegend Lizenzprodukte für Publisher und Mobilfunkbetreiber. Zu den Kunden zählt die die heimische Multimedia-Schmedia root9 (Yeti Sports) ebenso wie Electronic Arts, Vodafone, Coca-Cola, Disney, I-play oder THQ. In Kooperation mit seinen Partnern vertreibt Xendex seine Spiele über die Portale von mehr als 200 Mobilfunkprovidern in mehr als 60 Ländern. "So sehr ich unseren Sozialstaat mag, gäbe es in Österreich nicht das leidige Thema Lohnnebenkosten, könnten wir noch viel mehr Leute einstellen und beliebig viele Spiele produzieren", bedauert Haberl dieses Hemmnis für ein exportorientiertes Unternehmen. "Viele Mitbewerber produzieren in China, das ist enormer Vorteil für diese, wir sind allerdings technologisch ausgereifter und innovativer." Der Markt für Handyspiele wächst nach wie vor. 2007 wurden in der Branche weltweit rund 2,5 Mrd. Dollar umgesetzt.

Mehr Spiele werden gekauft

"Es ist eine interessante Beobachtung, dass die Leute in Krisenzeiten, ob wirtschaftlicher oder politischer Natur, mehr Spiele kaufen", macht sich Haberl keine Sorge um weiteres Wachstum. "Es ist so eine Art Flucht in eine virtuelle Welt". Zudem kauften bisher nur vier bis fünf Prozent aller Handynutzer Spiele, aber mehr als 50 Prozent der Handynutzer spielten die auf einem Handy installierten Spiele, weist Haberl auf das verborgene Potenzial hin. Hemmschuh seien dabei zum großen Teil die Netzbetreiber. "Nutzer, die sich von ihrem Handy aus auf mobilen Portalen umschauen, müssen dafür zahlen. Die Gebühren für die Datendienste sind oftmals teurer als der Kaufpreis eines Spiels."

Breite Zielgruppe

Die Zielgruppe für Casual Games am Handy, also Spiele ohne eigene Handlungsgeschichte, reicht von Zwölfjährigen bis zu 40-jährigen Nutzern. Handyspiele seien überwiegend Pausenfüller", sagt Haberl. Anders als bei Videogame erwartet der Spieler von Handyspielen schnell mal einen sichtbaren Erfolg, etwa in Form von siegreichen Punkten. Einen neuen Kick für Handyspiele erwartet sich der Xendex-Chef vom iPhone. Das Apple-Handy sei ohne großen Erklärungsbedarf "plug and play" wie eine Spielkonsole nutzbar, kombiniert mit einem Shop zum Download sowie Flat-Tarifen zum Rumbrowsen im Netz. "Das iPhone hat eine neue Ära mobiler Spielerfahrung eröffnet", stellt Haberl fest. "Für unsere Branche ist das ein richtiges Wachrüttel-Handy." Auch Xendex habe dafür etwas in der Pipeline, verrät Haberl, allerdings komme es erst nächstes Jahr auf den Markt. Da viele Handys heute fast schon eine kleine Spielkonsole sind, wird es von Xendex kommendes Jahr auch erste Nintendo DS-Spiele dafür geben.(Karin Tzschentke/ DER STANDARD, Printausgabe vom 30.9.2008)

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Xendex

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