Reaktionen: US-Kongress "von allen guten Geistern verlassen"

30. September 2008, 13:39
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Britischer Premierminister Brown: Ablehnung von US-Rettungspakets "sehr enttäuschend" - EU-Handelskommissar: Ablehnung von US-Hilfspaket verantwortungslos

London - Der britische Premierminister Gordon Brown hat die überraschende Ablehnung des Hilfspakets für den US-Finanzsektor im Repräsentantenhaus als große Enttäuschung bezeichnet. "Wir haben der US-Regierung die Bedeutung eines entschiedenen Handelns übermittelt", sagte Brown am späten Montagabend dem Fernsehsender BBC. Die britische Regierung und die Notenbank seien zu jedem Schritt bereit, der nötig sei, um die Stabilität des Finanzsystems zu sichern.

Mandelson: Breitere internationale Reaktion auf Finanzkrise gefordert

EU-Handelskommissar Peter Mandelson hat die Ablehnung der milliardenschweren Hilfen für den Finanzsektor im US-Kongress als verantwortungslos verurteilt. "Die Abgeordneten sind von allen guten Geistern verlassen und ich hoffe, dass wir in Europa keine Politiker und Parlamentarier erleben, die eine solche Verantwortungslosigkeit an den Tag legen", sagte Mandelson am späten Montagabend in einem Interview mit dem britischen Sender BBC.

Der EU-Kommissar aus Großbritannien forderte zugleich eine breitere internationale Reaktion auf die Finanzkrise. Neben dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy und Großbritanniens Premierminister Gordon Brown habe auch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel in den vergangenen Tagen US-Präsident George W. Bush in einem Telefonat dazu gedrängt, sagte er. Die EU-Kommission werde Vorschläge für eine bessere Zusammenarbeit zwischen Aufsichtsbehörden, Banken und Regierungen vorlegen.

EU-Kommission enttäuscht

Die EU-Kommission hat am Dienstag ebenfalls ihre Enttäuschung über die Ablehnung des Rettungsplans für die amerikanischen Finanzmärkte im US-Kongress signalisiert. Die aktuelle Krise habe ihre Wurzeln in den USA, daher hätten diese auch eine besondere Verantwortung in dieser Situation, sagte der Chefsprecher der Kommission, Johannes Laitenberger. "Es gibt hier eine Verantwortung und wir hoffen, dass sie auch bald übernommen wird", sagte er.

Die europäischen Regierungen und die Zentralbanken hätten mit der Unterstützung für angeschlagene Banken gezeigt, dass sie ihrer Aufgabe nachkämen und zur Stabilisierung des Finanzsystems beitragen.

Brasilien wirft USA in Finanzkrise Verantwortungslosigkeit vor

Der brasilianische Präsident Luiz Inacio da Silva hat die USA und andere reiche Länder aufgefordert, Verantwortung für die internationale Finanzkrise zu übernehmen und Schaden in den Entwicklungsländern abzuwenden. Diese dürften nicht zu "Opfern des Casinos werden, das von der US-Wirtschaft errichtet wurde", sagte Silva am Montag. Nach der Ablehnung eines 700 Milliarden Dollar schweren Rettungspakets für die US-Finanzbranche im im Repräsentantenhauses in Washington stürzte auch die brasilianische Börse um 9,4 Prozent ab.

Noch vor einer Woche hatte Silva sich überzeugt davon gezeigt, dass die US-Finanzkrise Brasilien nicht mit in den Abwärtssog ziehen werde. "Welche Krise? Fragen Sie (US-Präsident George W.) Bush", beschied er Journalisten. Nun forderte er "jene, die für die globale Finanzkrise verantwortlich sind" auf, den freien Fall der Wirtschaft mit schnellem Handeln abzuwenden. "Es ist nicht fair, dass lateinamerikanische, afrikanische und asiatische Länder für die Unverantwortlichkeiten in Teilen des amerikanischen Finanzsystems zahlen", sagte der brasilianische Präsident.

Tokioter Regierung will Übergreifen verhindern

Auch die japanische Regierung ist über das Scheitern des US-Rettungspakets für die Finanzbranche im Repräsentantenhaus besorgt. Der neue Ministerpräsident Taro Aso zeigte sich entschlossen, negative Folgen für die japanische Wirtschaft und das Finanzsystem durch Kursstürze an den Aktienbörsen zu verhindern. "Wir müssen uns bedacht auf die Situation einstellen, um zu verhindern, dass solche Entwicklungen nicht groß (auf die japanische Wirtschaft) übergreifen", sagte Aso am Dienstag vor Journalisten in Tokio. Nach historischen Verlusten an der Wall Street hatten auch die Kurse in Tokio stark nachgegeben.

Japans Minister für Wirtschafts- und Fiskalpolitik, Kaoru Yosano, sagte laut der Nachrichtenagentur Kyodo, die US-Politik sei vor den Präsidentschaftswahlen in einer sehr delikaten Lage. "Ich bin tief besorgt", sagte Yosano. Der Vorgang um das Rettungspaket in den USA habe Auswirkungen nicht nur für die US-Wirtschaft, sondern auch für die gesamte Weltwirtschaft. "Wir hoffen von Herzen, dass der US-Kongress weitere Diskussionen führen und ein besseres Ergebnis erzielen wird", wurde der japanische Minister weiter zitiert.

Finanzminister Shoichi Nakagawa zeigte sich über die Entwicklung in den USA überrascht. Japan werde eng mit den USA und Europa zusammenarbeiten und die Lage ruhig verfolgen in der Hoffnung, dass der US-Kongress einen Fortschritt erzielen werde. Nakagawa rief zugleich mit Blick auf die japanischen Märkte zu Besonnenheit auf. Die Auswirkungen der US-Hypothekenkrise auf Japan seien "merklich gering" im Vergleich zu den USA und Europa. "Ich hoffe, dass die japanischen Märkte eine gründliche Risikoanalyse vornehmen und ruhig reagieren", sagte der japanische Finanzminister vor Journalisten.

Das US-Repräsentantenhaus lehnte am Montag Bushs 700 Milliarden Dollar schweres Hilfspaket für die Finanzbranche ab, obwohl Demokraten und Republikaner in tagelangem Ringen wesentliche Veränderungen durchgesetzt und geeinigt hatten. Das überraschende Nein löste an den zu diesem Zeitpunkt noch geöffneten Börsen in den USA und Lateinamerika einen freien Fall der Kurse aus. An den US-Börsen entstand mit rund neun Prozent ein Tagesverlust wie seit dem Platzen der Internetblase im Jahr 2000 nicht mehr. (APA/Reuters)

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