Die Wähler sind wählerischer geworden

29. September 2008, 20:24
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Nie zuvor ist eine Wahlentscheidung so spät gefallen wie bei dieser Wahl: Jeder dritte Wähler hat sich erst im Intensivwahlkampf entschlossen, dass er und was er wählen will. Profitiert hat davon vor allem das BZÖ

Satte zwei Drittel der vom BZÖ diesmal dazugewonnenen Wähler haben noch drei Wochen vor der Wahl nicht gewusst, dass sie am Ende die Orangen wählen würden, jeder zweite neue Wähler des BZÖ hat sich überhaupt erst in den letzten Tagen vor der Wahl entschlossen, seine Stimme Jörg Haider und dessen Gefolgschaft zu geben.

Dieses Beispiel aus der Wahlforschung des GfK-Instituts belegt nicht nur, dass Haider ein höchst effizienter Wahlkämpfer ist. Es zeigt zudem, dass die Wähler mobil sind wie noch nie: Nur 67 Prozent gelten als "Early Deciders", die schon drei Wochen vor der Wahl wussten, wo sie ihr Kreuzerl machen. Weitere zwölf Prozent entschlossen sich in den letzten ein bis zwei Wochen, 21 Prozent überhaupt erst in den letzten Tagen und Stunden.

Im Langzeitvergleich der Wahltagsbefragungen über 30 Jahre zeigt sich: Bei der Wahl von 1979 (Bruno Kreisky gewann damals gegen Josef Taus) hatte es erst neun Prozent "Late Deciders" gegeben - ihr Anteil ist kontinuierlich auf 33 Prozent gestiegen.

Die GfK-Exit-Poll vom Sonntag zeigt auch, dass 28 Prozent diesmal Wechselwähler waren. Die Wahlforscher Peter Ulram und Fritz Plasser, die sich auf diese Daten stützen, halten sogar das noch für unterschätzt, während Sora-Wahlforscher Hofinger - er hat die Wahlen für den ORF mit Umfragen begleitet - eher davon ausgeht, dass nur 18 Prozent gewechselt haben. Auch das wäre (nach den für die ÖVP sensationell guten Verschiebungen des Jahres 2002) der zweithöchste Wert in der Geschichte der zweiten Republik.

Verschiedene Interpretation

Tatsächlich gab es am Montag nach der Wahl unterschiedliche Interpretationen der Wählerströme und der Wahlmotive. So hatte Sora - wie in einem Teil unserer Montagausgabe berichtet - die größten Wählerströme mit 213.000 Ex-ÖVP-Wählern zu den Nichtwählern und 191.000 Ex-SPÖ-Wählern zu den Nichtwählern errechnet. Die Arge Wahlen kommt auf andere Werte: 162.000 (ÖVP) bzw. 110.000 (SPÖ) Wähler gingen demnach zu den Freiheitlichen. Den jeweils zweitgrößten Wählerschwund verzeichneten Rot und Schwarz in Richtung BZÖ.

Ziemlich unterschiedliche Ergebnisse brachten auch die Wahltagsbefragungen von GfK und dem Institut für Strategieanalysen (das gemeinsam mit Sora und dem IPR) für den ORF Wählermotive erhoben hat. GfK-Wahlforscher Peter Ulram berief sich in einer Pressekonferenz am Montag auf die deutlich größere Datenbasis (insgesamt 6000 Interviews) und den längeren Fragebogen, mit dem er seine Interpretation des Wählerverhaltens stützen könnte.

GfK destillierte die Wahlmotive aus zwei unterschiedlichen Fragestellungen: Einmal wurden die Wähler gebeten, ihre Motive in einer offenen Fragestellung frei zu formulieren (dies wurde nachträglich dann zu Antwortgruppen zusammengefasst), in einem zweiten Set von Fragen wurden Themen abgefragt, die für die Wahlentscheidung vermutlich wichtig sein könnten. Bildungspolitische Fragen - mit Ausnahme jener nach Abschaffung der Studiengebühren - kamen im GfK-Fragebogen nicht vor, Sora dagegen hat Bildungsfragen als wesentlich für die Entscheidung eingestuft.

Die Tabelle rechts zeigt, dass die im Wahlkampf verschiedentlich erhobene Forderung nach härteren Strafen für Kindesmissbrauch fast sieben von zehn Wählern angesprochen hat - von diesen (69 Prozent = 100 Prozent) haben 31 Prozent die Stimme der SPÖ gegeben, 23 Prozent der ÖVP und 21 Prozent der FPÖ. Unter den 39 Prozent, die eine Beschränkung der Zuwanderung als wichtiges Wahlmotiv angegeben haben, sind die FPÖ-Wähler überdurchschnittlich stark (35 Prozent) vertreten, die Grün-Wähler erwartungsgemäß mit zwei Prozent kaum.

Das Ausmaß der Pensionserhöhung bewegte überdurchschnittlich stark die Wähler der SPÖ, was Urlam auch damit in Verbindung bringt, dass sechs von zehn Wählern der Sozialdemokratie entweder als Pensionisten oder als öffentlich Bedienstete direkt vom Staat abhängig sind. Auch die gefühlte Teuerung hatte Einfluss auf das Wahlverhalten: Wer die Inflation stark spürte, ging zu SPÖ und FPÖ. Ähnlich hielten es die Leser, die nur oder fast nur die Kronen Zeitung konsumieren. (Conrad Seidl/DER STANDARD, Printausgabe, 30.9.2008)

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