Finanzkrise: Weckruf für Europa

29. September 2008, 19:15
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Europa hat die Finanzkrise bisher verschlafen

Die Finanzkrise in den USA ist mit der Lage in Europa nicht vergleichbar. Und Rettungsaktionen nach Washingtoner Vorbild braucht am alten Kontinent ohnehin keiner. Das verlauteten sinngemäß Deutschlands Finanzminister Peer Steinbrück und andere führende Politiker im EU-Raum vor einer Woche, nachdem die Vereinigten Staaten ihr Hilfspaket für die notleidenden Banken im Volumen von 700 Milliarden Dollar angekündigt hatten.

Die Realität hat die Lenker in den europäischen Hauptstädten schnell eingeholt. Die Woche begann mit einem beispiellosen Krachen im Gebälk der Banken. Von Island über Großbritannien, Dänemark und Frankreich bis Deutschland brachen Geldinstitute zusammen wie Kartenhäuser - und wurden rasch von den zu Hilfe eilenden Regierungen aufgefangen. Steinbrück musste der Hypo Real Estate zur Seite springen, nachdem er schon bei der IKB den Florianijünger gemimt hatte. Noch größeres Ungemach droht Berlin wegen der Schieflage der Landesbanken, in denen noch massenhaft faule Kredite lagern. Auch London steht Gewehr bei Fuß, verstaatlichte erst Northern Rock und jetzt Bradford & Bingley. Und Paris inszeniert nun einen Bankengipfel, um für allfällige Pleiten gewappnet zu sein.

Allein am Montag wurden weit über 100 Milliarden Euro in marode Institute gesteckt. Somit erscheinen Befürchtungen, wonach die europäischen Steuerzahler ähnlich stark wie die amerikanischen zur Kasse gebeten werden könnten, gar nicht mehr so unrealistisch. Mit dem Unterschied, dass die Aktionen in Europa unkoordiniert und erst dann erfolgen, wenn die Verantwortlichen aus ihren Träumen gerissen worden sind.

Die auf bis ins kleinste Detail gehende Regulierungen spezialisierte EU hat sich bisher nicht ernsthaft mit der Krise auseinandergesetzt, die jetzt wie ein Tsunami über den Kontinent fegt. Höchste Zeit, rasch einen Notfallplan auszuarbeiten. Die Helfer müssen nicht gleich - wie in den USA - mit hunderten Milliarden Euro winken, aber die Prinzipien festlegen, wann der Einsatz von Steuergeldern sinnvoll ist, um größeren Schaden abzuwenden. Die derzeit praktizierte isolierte Vorgangsweise wird der Vernetzung der Finanzmärkte, die ja gerade die EU gefördert hat, nicht gerecht, und führt überdies zu Wettbewerbsverzerrungen, die kurzfristig zweitrangig erscheinen mögen, langfristig aber gefährlich sind. Sowohl die staatlich angeordneten Übernahmen mit der Tendenz zur steigenden Konzentration als auch die Rettungspakete mit ihrem Beihilfencharakter sind Instrumente, die Finanzbranche wie Konsumenten schaden.

Europa hat die Finanzkrise bisher verschlafen. Die Turbulenzen sind ein später Weckruf. (Andreas Schnauder, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.9.2008)

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